Island 2025

Nach wie vor interessiere ich mich für die Insel im Nordatlantik und auf eine romantische Art und Weise bleibt sie mit meinen Reiseträumen und Leidenschaften verbunden. Mich zieht es nun mal nach Norden, dorthin, wo der Trubel nachlässt, dort wo die Sonne flach scheint, wo die Ressourcen begrenzt sind und die Auseinandersetzung mit der Witterung einen beträchtlichen Anteil an allem Leben ausmacht. Der mit jedem Breitengrad zunehmende Einfluss der Jahreszeiten prägt einen planerischen und reflektierten sowie abwägenden Charakter der Bevölkerung, den ich durchaus als sehr sympathisch empfinde. Zudem bewahrte man sich dort eine gewisse Bescheidenheit, ja eine Form der Demut und der Zurückhaltung, die in unserer Welt selten geworden ist. Selbstverständlich führe ich dies auf die rauen und fordernden Lebensumstände zurück, die die Menschen des Nordens seit Jahrhunderten prägen.
Einst widmete ich einen Großteil meiner Schaffenskraft und Kreativität einem Fahrzeug, welches mir genau diese Dinge, diese Ecke der Welt und dieses Abenteuer erschließen sollte. Dabei ging es mir nicht darum, einen Unimog zur Verfügung zu haben, nein, ich wollte selbst ein Gefährt bauen und damit meine persönlichen Möglichkeiten, meine individuellen Fähigkeiten, meinen Fleiß und meine Hingabe gegen diese Dinge aufwiegen. Damit würde für mich die Exotik und die spannende Wildheit dieses Landes erst greifbar, erlebbar und fühlbar. Niemals wollte ich einfach mit einem gekauften, fremd gebauten Fahrzeug da oben aufkreuzen, für welches ich auf eine beliebige Art und Weise das Geld akquiriert hätte.
Um es unmissverständlich auf den Punkt zu bringen: Der Besitz eines Unimogs ist etwas, was ich immer noch demütig und dankbar hinnehme. Die Umstände, die dazu führten, dass ich in diesem Leben das Privileg genieße, 5 Tonnen schwer über die Oberfläche unseres Planeten zu rollen, habe ich zum großen Teil nicht selbst zu verantworten. Daher steht der Besitz auch gar nicht im Mittelpunkt. Schließlich habe ich nichts getan oder vollbracht, was mich zu dem Gedanken: Ich habe mir das Auto verdient und es steht mir zu drängen könnte. Und zu einem tollen Typen macht mich die Kiste schon gar nicht...
Mit diesen Worten umbeschreibe ich ein Mindset, welches in der Auto-Szene und damit auch in der Reisemobil-Szene eher wenig verbreitet ist.
Tatsächlich ist mir der schwergewichtige Auftritt mit „Heavy Metall“ auf Island auch nicht mehr so angenehm, wie er einst war.
Selbst wenn ich mich peinlich an alle Vorschriften halte, laufe ich mittlerweile Gefahr, dort mit meinem Monstertruck in die Schlagzeilen zu kommen.
Die Presse und die Öffentlichkeit sind auf eine absurde und vollkommen realitätsfremde Art vorgespannt und warten nur darauf, dass unsereinem ein kleiner Fehler unterläuft. Den Touristen mit den großen Wohnlastwagen eilt da oben nun ein erhebliches Dilettanten-Image voraus, welches zum Großteil unverschuldet ist. Aber bei solchen Themen erinnert man sich nun mal lieber an Idioten. Island ist da nicht mehr feiner und reflektierter als der verkommene Rest der Welt. Hier läuft der gleiche schräge Film der medienmanipulierten Empörer und Verschwörer.
Dabei sehe ich mich als Erdenbürger, der grundsätzlich alle lokalen Gepflogenheiten streng achtet, auch wenn sie eine persönliche Einschränkung bedeuten. Selbstverständlich halte ich mich an sämtliche Gesetze und auf keinen Fall möchte ich vor Ort irgend jemanden verärgern oder auch nur nerven. Mutwillige oder fahrlässige Zerstörungen aller Art verurteile ich und ich bin der allerletzte, der sich vorsätzlich an der Natur vergeht. Ich begegne jedem Menschen stets mit Anstand und Respekt, selbst wenn dies nicht immer erwidert wird. Aber diese Form der Demut ist auf dem Fahrersitz eines Unimogs mehr und mehr unglaubwürdig geworden und die von Vorurteilen getragene entweder "hatende" oder "likende" Öffentlichkeit traut einem diese Einstellung oft gar nicht mehr zu. Natürlich ist das deren Unrecht und nicht meines, aber wer interessiert sich heute noch für die graue Wahrheit und wer erkennt sie in der sensationshungrigen Umgebung überhaupt noch?
Die drastische Expansion der Tourismusindustrie wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger und bei so viel Rauch und Husten fällt das ruhige Atmen zunehmend schwer. Die Brandursache ist unpopulär. Ist es die mangelnde Qualität oder die gigantische Quantität der Touristen? Ist es gar die Gier oder der legitime Anspruch auf wirtschaftlichen Erfolg der Einheimischen?
Einigkeit besteht nur über das Vorliegen einer gewissen Schräglage. Das Ausdeuten der Schuldigen, ganz gleich wie real es auch ausfallen mag, bietet die Möglichkeit, die hausgemachten Probleme outzusourcen. Welche Senke für so viel negative Energie wäre da wohl besser geeignet, als die rücksichtslosen, inkompetenten Ausländer in ihren riesigen absurden Fahrzeugen?
Einem harmlosen Radfahrer dagegen, der nicht tonnenschwer, sondern grammleicht daherkommt, eilt ein anderes Image voraus. Er ist ein schwacher und verwundbarer Verkehrsteilnehmer, der nur eine sehr kleine und schmale Spur ins Gelände zu ziehen vermag. Grundsätzlich spricht man ihm weniger Schadenspotential zu und tatsächlich ist er zu einer Fremdgefährdung im verkehrstechnischen Sinne praktisch nicht fähig. Er macht keinen Krach, er macht keinen Qualm, es staubt nicht hinter ihm und er lässt stets genug Platz, wenn man sich auf der Piste begegnet. Er steht in der Schlange an der Tankstelle niemals vorne und er wird auch keinen Stein aufschleudern, der einem die Windschutzscheibe zerdeppert. Ein Fahrrad wird nachts niemanden blenden, es hupt nicht sinnlos und auf dem Parkplatz vor dem Hamburger-Café muss man keine Angst davor haben, dass es vielleicht doch größere Räder hat, als man selbst. Ein Fahrrad steht in der Nahrungskette ganz unten, genau dort wo ein gut motorisierter und großbereifter Isländer einen ausländischen Touristen gerne sehen möchte.
Zudem kann sich der Radler auch nicht daheim spottbillig die Karre voller Lebensmittel laden, um dann auf ach so smarte Weise die teuren Supermärkte der Insel zu meiden. Ich hielt die gewaltigen 4x4-Offroader, denen die Alkohol- und Nahrungspreise auf der Insel zu holperig waren, schon immer für einfältig. Es hat keinen Stil und es ist auch nicht cool, sich die teure, edle Karre mit billigen, heimischen Discountprodukten vollzuladen, nur weil man für die lokale Supermarktkasse zu geizig ist. Wer sich die Fähre und 4x4 leisten kann, beides sind vollkommen überflüssige Konsumprodukte, der kann und sollte auch auf Island einkaufen gehen, Punkt.
Ein Radfahrer hingegen schläft ab und zu im Hotel, nützt häufig das Gastronomieangebot und lässt somit pro Tonne weitaus mehr Geld im Lande.
Kurz gesagt, einem armseligen Strampler begegnet die isländische Öffentlichkeit weit wohlwollender als einem vermeintlich reichen ausländischen Expeditionsmobil-Bonzen.
Dazu schlage ich den ganzen, einfältigen, intoleranten Cancelkultur-Umweltfaschisten ein Schnippchen. Nach deren Auffassung sind Fahrräder grundsätzlich umweltfreundlich. Daher würden solche Leute niemals auf die Idee kommen, dass Radfahren auf der Insel ebenfalls eine doch nicht unerhebliche Umweltbelastung bedingt. Der durchschnittliche Radtourist reist über viele Kontinente mit dem Flugzeug an, rollt die Ringstraße ab und fliegt dann inklusive Fahrrad wieder heim. Gemeinhin würde man ihm aber trotzdem einen nachhaltigen und umweltverträglichen Urlaub bescheinigen. Damit möchte ich beschreiben, wie absurd ich es empfinde, eine komplett überflüssige Leisure-Aktivität, wie einen Islandtrip, hinsichtlich seiner Kohlendioxidemission zu bewerten.
Wer hier ausrechnet, wie effizient die Reise ausfällt, der steht sich das Recht auf das Erlebnis unbedingt zu. Frei nach dem Motto: "Ich fahre sowieso und deswegen so umweltschonend wie möglich". Darin sehe ich noch keine gute Tat, nur eine weniger schlechte und daher halte ich das für anmaßend. Ganz besonders, weil die Tourismusindustrie genau mit diesem reinen Gewissen wirbt. Wenn es um unseren Planeten ginge und es mit dem Kohlendioxid wirklich ernst ist, dann sollten wir als Menschen das Freizeit-Reisen einfach gänzlich aufgeben und uns nicht mit "Klimaneutralem Tourismus" selbst belügen. Allein die Tatsache, dass man die Ressourcen für eine Reise zur Verfügung hat bzw. übrig hat, ist Teil des Problems.
Grundsätzlich ist eine Fahrradreise nach Island trotzdem etwas klimaschonender als eine Anreise mit Unimog und Fähre. Ob das nun tatsächlich stimmt oder nicht, ist auch egal, aber es wirkt allgemein glaubhafter. Leider ist es nur das, was heute zählt.
Dabei erzeugt Radfahren Kohlenstoffdioxid, es spart nicht etwa welches ein. Jede KI antwortet auf diese Frage zunächst falsch, weil auch hier die Kollektivtäuschung mehr wert ist, als die einsame, unpopuläre Wahrheit beziehungsweise die Realität.
Eine Aktivität grundsätzlich in Relation zu einer anderen Aktivität, wie zum Beispiel dem Autofahren anzunehmen, ist ein Konsum-Wachstumsförderndes Mindset, welches den Verzicht, der immer möglich ist, nicht betrachtet.
Es tut mir wirklich leid, aber mein egoistischer Erlebnishunger und meine sportlichen Ambitionen motivierten mich derart, dass ich mich einfach nicht beherrschen konnte und einen weiteren Islandurlaub machen musste. Ich wollte mich selber „canceln“...hat nicht geklappt.

Bei "The Rift" handelt es sich um ein 200 Kilometer langes Fahrrad-Rennen auf den schönsten Pisten im isländischen Hochland. Ich gebe zu, neben der obigen, schelmisch-sarkastischen Einleitung geht es hier um meinen sportlichen Ehrgeiz. Schließlich habe ich inzwischen die körperlich besten Tage meiner schwindenden Existenz hinter mir und brenne nur so darauf, mich mit der Welt zu messen. Meine Sport-App bescheinigt mir regelmäßig allerbeste Werte und da möchte ich diese schon mal sichtbar anwenden. Außerdem handelt es sich bei dieser Form des Ausdauersportes auch um ein recht zeitintensives Unterfangen, ja eine Passion. Die Trainingsumfänge sind beträchtlich und es muss ja auch für irgend etwas gut sein, sich Tag und Nacht im Sattel auf eine zweifellos irrationale Art zu schinden, nur um in der Lage zu sein, etwas schneller von "A" nach "A" zu strampeln. Begonnen hatte diese Sucht einst mit der Erkenntnis, dass die Gesundheit im Leben doch den höchsten Wert hat. In meinem Alter hat man im nahen Umfeld schon diverse Todesfälle erlebt und den einen oder anderen Nachlass selbst verwaltet. Mich erschreckte dabei immer die bittere Bilanz, denn das Resultat ist ja unverrückbar. So zeigte es sich, dass viele Leute ihr ganzes Leben der Kohle hinterher strebten, ihre Einkommen maximierten und Vermögen aufbauten. Jeder kennt den Spruch mit dem letzten Hemd, aber mich erstaunte, wie real die Sache in Wirklichkeit ausfällt und wie ignorant und hilflos der Einzelne dem letztendlich doch gegenübersteht. Praktisch an jedem Grab, in das ich bislang hinunterblickte, hätte man das Loch mit den übrigen Talern auffüllen können und es hätte sogar meistens noch für einen ordentlichen Haufen obendrauf gereicht. Aber das ganze Leben lang war es nie genug, und es hätte immer etwas mehr sein dürfen. Wir glauben alle, das wäre so gut und wichtig und man müsse eben so wirtschaften. Ich behaupte stumpf, der Großteil dieser Menschen hat vom Großteil seines Geldes schlichtweg gar nichts. Dabei verwenden viele die das Wort „Bescheidenheit“ nur als Ausrede, weil sie gar nicht wissen, was sie sich alles noch kaufen sollen.
Das bewog mich, mich anderen Dingen zu widmen und andere Erfolge zu feiern, zumal auch irgendwann die Lebensqualität mit dem Einkommen nicht mehr wirklich mitsteigt. Der Konsum, so ausladend er auch ausfallen mag, kann einfach manches Erlebnis nicht bieten und in meinem Fall entstand sogar so eine Art Durst nach den nicht kaufbaren Dingen. Das machte dazu richtig Spaß und am meisten genoss ich es, dass ich mir die Fähigkeit geschafft hatte, mit meinem eigenen Körper hinter den Horizont zu reisen.
Dazu erlebe ich intensiv die Elemente, die Jahreszeiten und das Wetter, was sich mit der vollen Bandbreite präsentiert. Für mich ist das ein Teil des Lebens, von dem ich mich gar nicht freikaufen möchte. Ich will den Dreck, den Wind und den Schnee im Gesicht haben und ich möchte auch manchmal darauf hoffen, noch vor dem Regenschauer durchzukommen. Ich will nicht nur lesen, welchen Monat wir haben, ich will es aufs Leder geschrieben bekommen. Mit Heizung bzw, Klimaanlage morgens in die Tiefgarage der Firma zu fahren, schießt mir hier zu kurz. Ich bevorzuge es, durchgefroren und mit tauben Füßen nach der einstündigen Radfahrt zur Arbeit unter der Dusche zu stehen und mich dabei auf meinen ersten heißen Kaffee zu freuen.
Mit "The Rift" ergab sich nun die Möglichkeit, diesen Hunger, diesen Durst mal im Kontext jenes Landes aufzusaugen, welches ich schon so oft und so gerne bereist hatte. Island verkörpert für mich den Kampf der Elemente. Hier trifft alles mit Wucht aufeinander, hier herrscht ein unmittelbares Flair, hier lebt man mit und nach dem Wetter und hier vermag einem die Natur noch nach Strich und Faden den Garaus zu machen. Für ein Fahrrad-Abenteuer kann ich mir einfach keinen besseren Ort vorstellen. Die Strecken, auf welchen dieses eher kommerziell organisierte Event stattfinden würde, waren mir durchweg bekannt. Mit dem Unimog habe ich sie alle schon abgerollt.
Als Sieg verkaufe ich mir das jedoch inzwischen nicht mehr und so viel Geschick und Erfahrung, wie einst propagiert, ist da noch lange nicht im Spiel. Auch wenn die Landschaft durch die Frontscheibe und unter dem Blechdach genauso wunderschön, spektakulär daherkommt, so tut sie dies im Freien auf dem Fahrrad ungleich intensiver. Grundsätzlich besteht Rundumblick, die Anstiege brennen in den Beinen, eine Bö ist eine Ohrfeige, die Furten lassen die Füße frieren und jede Weichsandpassage das Erreichen des Horizontes als unmöglich erscheinen. Kein Motor brummt und kein Getriebe summt, es sind nur die Geräusche des eigenen, humanoiden Antriebs zu hören Das Schnaufen durch die Nase, das Pfeifen der Lunge, das Pochen des Pulses im Ohr und das zarte Knirschen der Reifen auf der Piste sind alles, was man angesichts des Fluchtpunktes durch die Sonnenbrille akustisch wahrnimmt.
Vielleicht reagiert der eine oder andere mit Unverständnis ob dieser unmenschlichen Quälerei und das Bestreben sich dieser freiwillig auszusetzen. Sicher fällt es auch jenem schwer, der so viel Geld investiert hat, um sich mit dem entsprechenden Equipment davon freizukaufen, sich hier verständnisvoll zu äußern.
Für mich steht die Anstrengung jedoch im Mittelpunkt. Wir sind dazu geschaffen uns "im Schweiße des Angesichtes" durchs Leben zu quälen und dabei bis an die Grenze zu belasten. Der tägliche Kampf um die Existenz ist gesunde Natur, der ungewisse Ausgang und die Abhängigkeit von den unbeeinflussbaren Parametern ist unser Alltag. Im Sport und ganz besonders in meinem fortgeschritten Alter stehe ich diesen Dingen inzwischen so gegenüber. Ich möchte arbeiten, ich möchte mich schinden und ich möchte jeden Tag bei offenem Ergebnis um mein Fortkommen kämpfen.
Damit scheine ich nicht allein zu sein, denn in dem überwiegend internationalen Teilnehmerfeld ist meine Altersklasse sehr stark vertreten. "Das ist ein Alte-Knacker-Rennen", pflegte ich zu sagen und tatsächlich sind es mehr die 40- bis 50-jährigen, die auf der Teilnehmerliste stehen. Junge Fahrer gab es unter den Amateuren kaum. Nur bei den Profis, die in einer eigenen Wertung fahren, finden sich welche. Das Gros war aber von früher. "Guck doch ma,l wer Lust hat, sich so etwas anzutun, das sind Typen wie Du", pflegte meine Frau zu sagen. Ich stimmte ihr zu und ich mag es, wenn solche Dinge über den gesamten Globus hinweg durch alle Kulturen, Religionen und Systeme hinweg gelten. Von Alaska bis Zypern war da alles vertreten und die Annahme, dass vermehrt Europäer oder gar Isländer am Start wären, bestätigte sich ganz und gar nicht. Im Gegenteil, alle betagten Fahrrad-Verrückten dieser Erde schienen für „The Rift“ ins Flugzeug gestiegen zu sein, um sich auf der Feuer-und-Eis-Insel die Kante zu geben.
Ich wünschte mir das Event zum 50. Geburtstag und ich bat meine Frau, doch entsprechende Erinnerungsfotos zu machen. "So mit fliegendem Dreck, einer Startnummer und einem verzerrten Gesicht." Ulli ist eine hervorragende Fotografin, die sich in den letzten Jahren da einiges drauf geschafft hatte und nebenbei sogar ein kleines Gewerbe betreibt. Natürlich hatte ich vor, aus diesem Rennen ein gemeinsames Unterfangen zu machen und ein wenig seelischen Beistand könnte ich schließlich auch gebrauchen.
"Aber ich stelle mich da nicht 8 Stunden in den Regen, bis Du irgendwann wieder angerollt kommst", intervenierte meine Frau. "Wenn Du anständige Fotos willst, dann engagieren wir für mich einen Fahrer mit Geländewagen und der fährt dann mich und meine Kameraausrüstung an die einschlägigen Passagen", forderte sie. "Eventuell kann der auch Fotos machen und dann bekommen wir unterschiedliche Perspektiven. Heute haben die auch alle Drohnen und da würden sich noch viel mehr Möglichkeiten ergeben", erklärte sie. Ich fand das prima und so würden tatsächlich viel bessere Chancen auf gute Aufnahmen entstehen und ein garantiert trockener Sitzplatz ist schließlich auch etwas wert. Damit hoben wir das Ganze auch auf eine gemeinschaftliche Ebene. So gesehen ist das dann nicht mehr "Mein Rennen", sondern unser gemeinsames "Projekt auf Island". Wir hatten beide Ambitionen, wir hatten beide einen Plan und wir würden das zusammen durchziehen.

17.07.2025

Mit zwei Pappbecher-Kaffees in den Händen befanden wir uns bei aufgehender Sonne auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen. Da einiges auf dem Spiel stand, Ulli gerne einen Zeitpuffer hat und wir den Verkehr im Rhein-Main-Gebiet kannten, waren wir sehr früh unterwegs. Mir war das ganz recht, denn ich hatte Zweifel, ob das mit dem "rollenden Sperrgepäck" alles so reibungslos funktionieren würde.
Der Bus kam und ich wuchtete zügig meine riesige Bike-Box über die Einstiegs-Kante und platzierte sie auf dem Kinderwagen-Stellplatz neben der Tür. So früh am Morgen würde ich da niemandem im Wege stehen. Das Fahrzeug fuhr an und ich fand Zeit, mich umzuschauen. Hier befanden sich hauptsächlich fein herausgeputzte Flugbegleiter, die gelangweilt auf ihr Smartphone starrten. Viele kannten sich und es herrschte eine eher gediegene, professionelle Atmosphäre. Dies empfand ich als angenehm, denn während ich drauf und dran war, etwas ganz Aufregendes und Neues zu erleben, frönte die Mehrheit dem Alltag.
Die Rollen meiner Fahrradkiste klapperten wenig später auf dem Feinsteinboden der gewaltigen Eingangshalle im Terminal 2. Der zunächst unbesetzte Sperrgepäck-Schalter und der Ausfall der automatischen Gepäckaufgabe bestätigten einmal mehr unsere konservative Zeitplanung.
Kann nicht einfach mal alles glatt gehen, gerade wenn so viel auf dem Spiel steht?
Endlich vollständig und erfolgreich eingecheckt, saßen wir schließlich am Gate. Meinen Gepäck-Bon mit dem Strichcode klebte ich sorgfältig hinten auf das Gehäuse meines Smartphones. „Ohne mich ist mein Fahrrad nutzlos, ohne mein Fahrrad bin auch ich nutzlos“, plapperte ich, um mich dann neugierig nach weiteren, etwaigen Rennteilnehmern umzuschauen. Außerdem hätte es sein können, dass ich meinen Sitzplatz einer bedürftigen Person hätte überlassen müssen. Es war aber niemand entsprechendes auszumachen. In unserer Umgebung befanden sich durchweg Deutsche, die nach Island flogen. Wanderschuhe oder Outdoor-Klamotten sah man nur ganz vereinzelt und auf einen weiteren Radfahrer deutete absolut gar nichts hin. Ulli ertappte mich und meinte: „Checkst Du schon die Konkurrenz, oder was?“ Mir war diese Offensichtlichkeit peinlich, also steckte ich mir die Hörer meines Smartphones in die Ohren und schaute Nachrichten.
 
 
Der Vulkan bei Grindavik war wieder einmal ausgebrochen. Schweigend hielt ich meiner Frau das Display hin. "Au weia, hoffentlich wird das nicht so schlimm", antwortete sie mit großen Augen. Wenig später landeten wir auf der Insel.
Das tosende Flughafengebäude in Kevlavik platzte aus allen Nähten. Ein irrsinniges Gewusel und Gedränge verhinderte jedes Vorankommen, besonders mit einem großen, sperrigen Fahrradbox-Rollkoffer. Diesen hatte ich, offensichtlich priorisiert, binnen Minuten wieder erhalten. Eine richtige Gelegenheit, mich darüber zu freuen, erhielt ich allerdings nicht. Menschengerüche wahrnehmend und seitlich laufend schoben wir uns durch die Menge. Nach unzähligen Staus und Ausweichmanövern a la Rockkonzert landeten wir schließlich vor den Schaltern der ebenfalls zahlreichen Mietwagenfirmen. Ernüchtert zog ich eine dreistellige Nummer aus dem Automaten für die Warteschlange. Das System hatten wir nicht verstanden, aber offensichtlich hatte jeder Verleiher spezifische Tickets, die jeweils nur für eine einzige Reihe galten. Aus Unwissenheit zog ich versehentlich die Nummer aus einer anderen Schlange, was sich hinterher als hilfreich herausstellte. Wir hatten natürlich das "falsche" Ticket für die richtige, andere Schlange, um endlich vorne stehend wieder nach hinten geschickt zu werden. Aber es ging einem Dutzend anderen Touristen genau so, daher lies ich mir das nicht als „selber schuld“ verkaufen. Was für ein Käse, was für eine Schikane, was für eine Überlastung und wir machten es sogar noch schlimmer. Wir waren Teil des Problems, wir waren das Problem. Nach einer guten Stunde befanden wir uns endlich vor der ersehnten Glasscheibe. Der genervte Mann am Schalter schimpfte uns sogleich an: "You are supposed to pick up the car in 2 hours." Er zeigte dabei vorwurfsvoll auf den Termin auf seinem dämlichen, nun uns zu gedrehten Bildschirm. Er rollte mit den Augen, zog aber dann doch die vorbereiteten Papiere mit Autoschlüssel aus seiner Tageskiste. Im Fahrwasser dieses schlechten Gewissens ließen wir uns noch eine sinnlose, teure Zusatzversicherung andrehen. Vielleicht war dies auch jene Masche, mit der er letztendlich seine zusätzliche Provision einstrich. Es sei ihm gegönnt, er ist schließlich auch ein Opfer. Mit einem „Loswerde-Blick“ schickte uns der Mann nach links zum Wegtreten. "Next One please."
Es dauerte volle 15 Minuten, um die Länge des gigantischen Mietwagenparkplatzes abzulaufen. Das Verfahren zum Auffinden des gesuchten Wagens kannte ich von meiner Arbeit in der Autoindustrie. Wenn unsere OEM-Kunden auf dem Parkplatz einen Testwagen suchen, dann laufen die auch immer mit hoch gehaltener Hand und gedrücktem Schlüssel über das Gelände, bis das gesuchte Fahrzeug identifizierend „blinkt“.
Mit dem einsetzenden Regen bemerkten wir auch des erlösende Signal unseres bestellten Kombis. Hektisch verluden wir die Koffer und schlugen nass triefend die Türen zu. Während es ohrenbetäubend prasselte, verband Ulli ihr Handy mit dem Auto und ich bestätigte unterdessen unserem Geländewagenfahrer per SMS die Ankunft in Island. Außerdem achtete ich darauf, auf dem Fahrersitz zu landen, denn das würde mir bei der Diskussion "Fahren wir noch schnell zum Vulkan?", eine bessere Position verschaffen. Davon wurde im Netz offiziell abgeraten, denn für die Gegend bestand eine akute Feinstaub- und Schwefeldioxidwarnung. Das Verkehrsministerium verbot zudem, am Straßenrand anzuhalten, um das Geschehen zu beobachten. Diese Informationen behielt ich jedoch für mich.
Ganz vorsichtig umfuhren wir die vielen Menschen, die neugierig suchend umher blickten und ebenfalls ihre Auto-Schlüssel hochhielten. Den Flughafen hinter uns lassend erreichten wir die Schnellstraße.
Die Wolke des Ausbruchs zeichnete einen unverkennbaren, dunklen Strich an den Himmel. Manchmal konnte man sogar schon die orangefarbenen Fontänen am Horizont ausmachen.
Ich setzte den Blinker rechts. "Du willst doch da jetzt nicht hinfahren. Von so was fährt man weg", warnte Ulli. Die Chance, mal einen richtigen Vulkanausbruch zu sehen, schien sie nicht im Geringsten zu locken. Mit großen Augen schaute sie ängstlich zu mir herüber. "Laut Safetravel befindet sich der Ausbruch in sicherer Entfernung von der Straße", konterte ich. „Lass uns wenigstens mal zu dem Parkplatz fahren." Leider erwiesen sich die Lichtverhältnisse dort als unvorteilhaft. Zumeist verdeckte der Qualm die sprudelnde Lava. Gute Fotos würde es heute aus dieser Perspektive nicht geben. Wir beschlossen daher, weiter zu fahren, in Reykjavik noch die Startnummern abzuholen und anschließend die Unterkunft aufzusuchen.
Diese befand sich etwas nördlich von Selfoss oberhalb des Ulfljotsvatn auf einem kleinen Hof. Wir wählten absichtlich diese Abgeschiedenheit, diese Distanz vom Halligalli des kommenden Sportereignisses. Bei knapp 1000 Teilnehmern würde da einiges los sein und bei aller Aufregung muss man ja auch irgendwie, irgendwo, irgendwann wieder runterkommen.
Außerdem könnte ich mich dann an den Vortagen des Rennes abseits von den großen Straßen, womöglich sogar auf Pisten warm fahren bzw. einfahren.
Der Hotelbetrieb auf dem kleinen Anwesen verlief typisch isländisch und wurde hauptsächlich von jugendlichen, europäischen Ferienkräften bewerkstelligt. Einen Hotpot zur Entspannung der geplagten Muskeln gab es auch und wir fanden es lustig, dass uns die Hauskatze miauend Tag und Nacht durch das geöffnete Fenster besuchen kam. Wir genossen den Aufenthalt dort und auch für mich, der sich in Topform befand, boten sich die erhofften Trainingsmöglichkeiten. Es ist in so einer Situation nicht unwichtig, weiterhin täglich einige Kilometer mit dem Fahrrad abzuspulen, um bestmöglich auf das große Event vorbereitet zu sein. Da ich mich nicht so gut auskannte, folgte ich schlicht den Vorschlägen auf Strava und plante für den nächsten Morgen mein Training, mein Warmup.

18.07.2025

Auf Zehenspitzen entstieg ich um 6 Uhr meinem viel zu weichen Bett, schlüpfte in die zurecht gelegtenFahrrad-Klamotten und trug mein frisch montiertes Mountainbike vorsichtig über den Hotel-Flur. Dies würde jedes Geräusch vermeiden, denn Ulli und die übrigen Gäste schliefen noch. Selbstverständlich waren alle Türen, wieder typisch isländisch, unverschlossen und so musste ich keinen Schlüssel mitnehmen. Die Hunde begrüßten mich schwanzwedelnd und rannten noch ein Stück mit, als ich zu meiner ersten Fahrradtour auf Island aufbrach.
Völlige Stille empfing mich und ich hoffte, die Watts würden mir die morgendliche Kühle möglichst schnell aus meiner Jacke treiben. Ich folgte zunächst der leeren Straße nach Süden und ließ meiner Strampel-Euphorie freien Lauf. Der Erlebnishunger und die Neugierde vereinnahmten mich und so hatte ich einen wichtigen Teil dieser Unternehmung, das Rennen, zunächst vergessen. Es ging doch auch darum, den Bock einzufahren und nach dem mehr oder weniger kompletten Wiederaufbau aus der Box zu erproben. Aber die Kette flog gut über die Kassette, die Reifen zischten auf dem Asphalt und der Fahrtwind begann in den Ohren zu kesseln. Cool, Fahrrad fahren funktioniert auch auf der Insel. Wer hätte das gedacht? Nach einigen Kilometern fiel mir ein leicht krumm geklemmter Lenker auf. Dies würde ich nachher beheben. Dennoch nahm ich den Kopf runter und hielt die Geschwindigkeit hoch. Rechts am Alftavatn vorbei brauste ich Richtung Selfoss und bog an der großen Kreuzung rechts ab. Der Sudurlandsvegur war inzwischen zweispurig, die erste Autobahn Islands, und auch wenn es der geringe Verkehr erlaubte hätte, war ich froh, nun auf der alten, nicht mehr benötigten Straße direkt daneben unterwegs zu sein. Ich passierte einen Rennradler, der sich wohl ebenfalls auf das morgige Rennen vorbereitete. Auch er hatte seine „The Rift“ Startnummer bereits am Lenker angebracht. Wir grüßten uns beiläufig.
Vor Hveragerdi bog die Strecke wieder nach Norden ab und ich folgte einer recht rauen Line-Road. Diese erinnert mich ausgiebig an meine fehlende Demut, denn die steilen und steinigen Passagen waren für mich nicht mehr fahrbar und ich musste zeitweise schieben. Etwas genervt und geläutert schnaufte ich oben auf einem kleinen Pass aus und ließ den Blick schweifen. Im Prinzip ist das genau das, was mich auf dem Rennen morgen erwarten würde. Da gab es auch einige steile Stellen, die nur abgesessen bewältigt werden können. Die Krakatindur hoch birgt eine steile Rampe, die nicht ohne sein wird.
Ich durchfuhr noch einige Furten und versuchte daraus eine Strategie abzuleiten. Frei nach dem Motto: „Absteigen oder Durchfahren“. „Aber wer weiß schon, wie das morgen aussieht“, verdrängte diesen Gedanken schnell wieder. Die fein geschotterten Lava-Pisten zwischen den Höfen eigneten sich hervorragend zum schnellen Graveln und meine Geschwindigkeits-Euphorie kam wieder durch. Auf der letzten Abwärts Passage fuhr ich sogar auf einen Jeep auf, der eher gemütlich daher rollte. Beim Überholen stellte sich dieser als Polizeistreife heraus und ich befürchtete schon ein Geschwindigkeitsvergehen meinerseits. Die Beamten interessierten sich aber nicht für mich und ließen mich passieren. Hätte ich das mit dem Unimog gemacht, wäre es vermutlich anders ausgegangen.
Auf die Minute genau rollte ich über den kleinen grünen Hügel zurück zu unserer Unterkunft. Die Hunde begrüßten mich und folgten mir zu dem gelben Gartenschlauch, der hier zur Fahrzeugwäsche bereit hing. Belustigt bemerkte ich, dass er an das Warmwasser angeschlossen war. Dies interpretiere ich nun wieder als typisch isländische, geothermale Fahrradputzerfahrung. Anschließend schob ich das Rad tickend über den Teppich im Flur zurück auf das Zimmer. Kurz darauf trat ich frisch geduscht und mit Ulli an der Hand in das Wohnzimmer des Hauses, welches als Frühstücksraum herhielt. Miauend folge uns die Hauskatze und wir wurden lachend empfangen.
Neben der Aufnahme von möglichst vielen Kohlehydraten und ausreichend Schlaf gab es meinerseits für diesen Tag noch keine Pläne.
„Komm, wir laufen mal zum Fimmvörduhals hoch“, schlug ich spontan vor. „Da können wir immer umkehren und hinterher am Wasserfall Mittagessen“, fügte ich hinzu. Außerdem kommen wir in Hovsföllur vorbei und können so schon mal unsere Anfahrt für früh morgen erkunden. Ich lauerte förmlich auf weitere Radfahrer, die sich sicher in der Umgebung des morgigen Rennereignisses einfahren würden. Ich war neugierig, wann und damit in welcher Entfernung man diese wohl antreffen würde. Tatsächlich kamen uns sehr bald schon ganze Gruppen entgegen, die eindeutig als Rennteilnehmer zu identifizieren waren.
„Guck mal, die Konkurrenz ist auch schon wach“, meinte Ulli und wies mit einem seitlichen Kopfnicken in Richtung einer Gruppe, die aus mindestens 50 Teilnehmern bestand. Ich konnte kein einziges Mountainbike ausmachen, da fuhr gefühlt jeder so ein knallbuntes Last-Generation-High-End-Carbon-Gravel-Wahnsinns-Teil mit Drop-Bar, Aero-Felgen rotierenden fetten weißen Schriftzügen. Die Veranstalter empfahlen ja auch solche Räder, gleichwohl ich annahm, dass sich auch die Teilnehmer auf solchen Böcken die höchsten Chancen ausrechneten. Ich werde da mit meinem selbst konstruierten Metall-MTB eine Exotenrolle einnehmen.
Und schnell unterwegs waren sie, das musste ich mit einem Kloß im Hals feststellen.
Zum Glück verlief diese erste Begegnung quasi inkognito und dankbar darüber drehte ich den Kopf wieder nach vorne. „Die sahen aber flott aus“, meinte Ulli und half mir damit nicht wirklich über diesen ersten Eindruck hinweg.
Der riesige Parkplatz am Skogarfoss füllte sich bereits und wir standen mit vielen weiteren Autos in der Warteschlange. Zum Wasserfall wollten wir gar nicht und etwas skeptisch blickte ich auf die vielen Besucher, die sich über die weithin sichtbare Treppe zur oberen Aussichtsplattform drängten.
„So wie die sich da hoch bewegen, läuft da nach einem Kilometer niemand mehr weiter“, zischte ich zu Ulli hinüber, die gerade ihre Kameraausrüstung im Rucksack verstaute. So war es dann auch, nur wenige folgten dem Pfad, der hinter dem Wasserfall in die Wildnis führt. Nach 5 Kilometern kamen die ersten Wanderer aus der anderen Richtung, also von oben. Wir grüßten freundlich und sahen ihnen an, dass auch wir die ersten waren, die sie seit der Überschreitung des Passes angetroffen hatten.
Mit dem einsetzenden Regen kehrten auch wir um und ergatterten etwas später noch einen letzten freien Tisch im Restaurant neben dem Parkplatz. Ich bestellte demonstrativ ein Bier, nachdem ich die zwei Motorradfahrer am Nachbartisch fragte: „Kann man das trinken?“
„Kann man schon“, lächelten sie und wir prosteten uns zu. „Ob das schmeckt, das ist eine andere Frage“, kamen wir grinsend überein.
Ulli schaute überrascht:„Sag mal musst Du morgen nicht Fahrrad-Rennen fahren?“
„Ach, wenn ich morgen herum loosen sollte, dann habe ich wenigstens etwas, worauf ich das schieben kann“, entgegnete ich.
Das Viking-Zeug ist zwar nicht wirklich gut, aber eine Katastrophe ist es auch nicht. Auf der Fahrt zurück ins Hotel genoss ich die Entspannung, die von diesem ganz kleinen Hauch Alkohol ausging. So brauchte ich während des Rückweges zum Hotel keinen Gedanken an die unaufhörlich laufenden Scheibenwischer zu verschwenden.

19.07.2025

Den Smartphone-Wecker schaltete ich genau 1 Minute vor seinem Einsetzen aus. Ich kann inzwischen kontrolliert aufwachen und offensichtlich hatte es auch in dieser neuen Umgebung geklappt. Das Line-up für den 200k Men`s Start war für 0730 angesetzt, das war in genau 2 Stunden. Wenig später stand auch Ulli auf und verschwand im Badezimmer. Ich begann, Wasser und Mineraltabletten zu trinken und die ersten Kohlehydrate aufzunehmen. Beides hatte ich mir am Vorabend bereitgestellt. Das Fahrrad und die gesamte Ausrüstung befanden sich bereits gepackt im Auto vor der Tür. In meiner peinlichen Bip betrat ich den Hausflur. So früh würde ich zum Glück niemanden in diesem albernen Spandex-Outfit antreffen. Es schien mir absurd, denn wir hatten ja höchst aufwendig die Fotoaufnahmen geplant, die mich so angezogen verewigen würden.
„Soll ich fahren?“ fragte ich, als wir über den geschotterten Parkplatz zum Auto liefen. „Nee, Du musst heute noch genug fahren“, meinte meine Frau. Ich war dankbar dafür, denn die Aufregung, das Loch in der Magengegend und die Anspannung überkamen mich so sehr, dass ich mich zur Zurückhaltung maßregelte. Komm, Du bist jetzt 50 Jahre und Elektroingenieur, lass Dich von diesem Ehrgeiz-Kopfkino nicht beeindrucken, versuchte ich mich zu beruhigen. Aber je näher wir dem Ziel kamen, desto kleiner wurde meine Galgenfrist. Irgendwann war es nicht mehr möglich zu sagen: „Das Rennen beginnt erst in einer Stunde."
Da begegneten uns auch schon die ersten Warmfahrer, obwohl es in Strömen regnete. Da waren sie, die ersten Anzeichen für eine entsprechende Motivation, für eine vorliegende, greifbare Härte der Konkurrenz. Ulli`s Telefon klingelte und ich nahm das Gespräch an. Es war Michael, der Fahrer des Geländewagens, der uns vor Ort schon erwartete und uns den Tipp gab, doch am Schwimmbad zu parken. Kurz darauf bogen wir grüßend, winkend neben ihm ein, stiegen aus und schüttelten uns im strömenden Regen die Hände.
„Are you sure you want to do this?“ wurde ich lachend gefragt. Michael half mir geschickt beim Ausladen meines Mountainbikes. Ich montierte das Vorderrad und klinkte den Computer ein, auf welchen ich schon vor Wochen die Strecke als Track hochgeladen hatte.
„Akku 2%“ ließ mir einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen. „Verdammter Mist, was ist da passiert?" Seit 5 Jahren setze ich das Teil nun ein, aber irgendwie ist da zum ersten Mal irgendwas schief gelaufen. Hatte ich den Garmin-Computer nicht richtig geladen oder hatte ich ihn etwa nicht ausgeschaltet? Egal, zum Laden ist es jetzt zu spät und meine digitale Navigation habe ich damit schon vor dem Start verloren. Also muss ich auf eine gute Beschilderung der Strecke bzw. darauf hoffen, immer der Meute hinterher fahren zu können. Das bedeutete einen erheblichen, taktischen Nachteil, denn das kann sich bei 200 Kilometern ganz schön auseinander ziehen. Auch eine Watt-Messung wird nicht mehr möglich sein und die 200g, die meine Sensorpedale zusätzlich wiegen, werden jetzt völlig umsonst über den gesamten Kurs bewegt. Leider hatte ich mir auch angewöhnt, die angezeigte und abgegebene Leistung bei längeren Fahrten aufmerksam zu überwachen. Ich hatte gelernt, mich mit Hilfe dieser Daten einzuschätzen und dies würde nun nicht mehr möglich sein. Ob dieser herben Rückschläge gab ich mir alle Mühe, jetzt nicht einen Koller zu kriegen und ruhig zu bleiben.
„Deine Beine und deine Zuversicht sind immer noch wichtiger“, meinte Ulli, die mein Befinden vollständig durchschaute. Sie hatte natürlich recht, aber es nochmal zu hören, fühlte sich gut an. Zusätzlich bemerkte ich auch noch die etwas schwache Füllung meines Vorderrades.
„Ja, geht jetzt alles schief oder was“, wollte ich schon schreien, gönnte aber den schlechten Gedanken diesen Adrenalinstoß nicht und riss mich zusammen.
„Ich will noch in den Servicebereich. Vielleicht können die meinen Computer laden und die haben auch noch eine Luftpumpe“, vermeldete ich und gab mir alle Mühe meine Emotionen zu verbergen. Ulli und Michael begannen, die Foto-Vorhaben abzustimmen. Sie folgten mir und sprachen dabei schon über das Bevorstehende.
„Mann, wäre das was, wenn ich nochmal ordentlich kacken könnte“, sagte ich auf deutsch, als ich die Warteschlange an dem erhöht aufgestellten Anhänger sah, der einen ganz offensichtlichen Zweck erfüllte. Michael hatte es trotz Sprachbarriere verstanden und grinste, während Ulli genervt mit den Augen rollte. Ich verkniff mir die Bemerkung, dass einige der aufgereihten Teilnehmer sogar ihre „Popocreme-Dose“ dabei hatten, um sich anschließend die freigelegte Kerbe zu schmieren. Dabei handelt es sich um eine Praxis, die in Fahrradkreisen weit verbreitet ist. Die gibt es sogar mit Minz-Aroma, was sich an Ort und Stelle anfühlt wie ein Fishermans-Friend-Zäpfchen.
Endlich war ich an der Reihe. Ich ließ meinen Vorgänger die Treppe heruntersteigen und platzierte kurz darauf meinen Hintern auf der hundertfach international vorgewärmten PVC-Klobrille. Einen Meter unter mir schwammen schon die unzähligen Hinterlassenschaften meiner Vorgänger in der blauen Chemiesuppe. Es handelte sich um einen mehr oder weniger offenen Tank, eine Art Schwimmbad. Ich fragte mich, welche Information man aus diesem Bilde wohl ableiten könnte. Sind vornehmlich Vegetarier am Start, kann man hier auch gendern, sprich männlich und weiblich unterscheiden? „Der Kackhaufen“ ist ja schließlich männlich, also sind zwangsläufig, der neuen, albernen Korrektheit geschuldet, auch „Kackhäuf-Innen“ am Start. Ich brauchte so einen absurden Lacher und hören würde ihn sowieso niemand, denn der Regen trommelte nur zu laut auf das blau durchschimmernde Kunststoff-Dach der Bude. Selbstverständlich ist das Geschlecht der Hinterlassenschaften grundsätzlich vollständig unerheblich. Für weitaus entscheidender hielt ich es, angesichts des nahen Events mal Eile walten zu lassen. Ich wollte ein gutes Beispiel abgeben und trat nach weniger als 1 Minute wieder ins Freie.
Beim Abstieg achtete ich auf der regennassen Blechtreppe peinlich darauf, nicht auch noch auszurutschen oder noch schlimmer, mich mit den Klickschuhen am Lochblech einzuklinken.
Leider fand sich auch nach langem Suchen keine Möglichkeit zum Nachladen meines Computers. Ein entsprechendes Kabel war nirgends aufzutreiben und dazu lief mir die Zeit mehr und mehr davon. Es würde ohne gehen müssen und da war ja auch noch der platte Vorderreifen. Ulli und Michael hatten mir schon Glück gewünscht und mich verabschiedet, als ich im Servicebereich vergeblich versuchte, meinen Vorderreifen aufzupumpen. Die hatten zwar die richtigen Adapter und wollten helfen, aber irgendwie vermochte ich es nicht, Luft in den Reifen zu füllen. Das Ventil war verbogen, keine Ahnung, wie das wieder passiert war, aber es passte schon beinahe zu den übrigen Fehlschlägen, die allesamt in meiner Fahrradkarriere Premiere feierten. Der Mechaniker bemerkte meine dilettantische Fummelei, riss mir das Rad aus der Hand und bog recht grob an dem dünnen Gewindestift des französischen Ventils herum. „Mann, Kollege-Schnürschuh, wenn das Ding jetzt abreißt, dann war es das mit meinem Rennen“, flüsterte ich kopfschüttelnd.
„Please Line-up for the 200k Men`s Race“, vermeldete der Lautsprecher. Der Startschuss würde in 5 Minuten fallen.
Tatsächlich ging die Luft nun endlich in den beschissenen Reifen rein, das Ventil hielt dicht und aufmunternd gab mir der Mann mein Vorderrad zurück. Ich fuhr so schnell zum Start, dass der Regen, den mein Hinterrad ausschleuderte, eine 2 Meter hohe Fontäne machte. Eine weitere wichtige Sache bei Fahrradrennen, die gute Startaufstellung, hatte ich so leider ebenfalls verpasst. Es geht dabei stets darum, sich einer Gruppe anzuschließen, die etwa auf dem eigenen Leistungsniveau unterwegs ist. Deren Hinterrad ist dann möglichst lange zu halten. Dies „checkt“ man ab und schiebt sich dann beiläufig in deren Nähe.
Unbeabsichtigt befand ich mich nun am Ende des vorderen Viertels. Vorne konnte ich die Profis ausmachen, die an ihren andersfarbigen Nummern zu erkennen waren und an der Linie starteten. Der Regen klatschte nur so auf den Asphalt und ich lauschte den Konversationen in unzähligen Sprachen. Es waren auch Gruppen aus gemeinsam angereisten Fahrern am Start und ich bemerkte wie international einheitlich doch Mimik und Gestik ausfielen. Wie schon vermutet, fuhr ich das einzige Mountainbike im gesamten Block. Dabei genoss ich die unverständlichen und vereinzelnd auch anerkennenden Blicke der übrigen Gravelbike-Fahrer. Manche gaben mir sogar aktiv „Thumbs up“, nachdem sie ihrerseits mich, also ihre Konkurrenz begutachtet hatten.
Ich scannte nun die Bereifung meiner Gegner, denn hier hatte ich meine höchst eigenen Überlegungen angestellt. Einer der Gründe, warum ich mit dem MTB unterwegs war, war die höhere Pannensicherheit, die mit den breiteren Reifen und dem damit möglichen niedrigeren Luftdruck einhergeht. Ich konnte das nicht einschätzen, wusste aber, dass das Lavagestein hier höhere Anforderungen stellte als unser heimatlicher Boden. Dazu wählte ich bei meinen Pneus die höchste Stufe der Pannensicherheit. Dies bedingte einen beträchtlichen Gewichtsnachteil. Mein Conti-Race-King mit „Shield Wall System“, also der maximalen Durchstich-Resistenz, wog 800g. Die federleichte Variante dieses Reifens bringt nur 500g auf die Waage. Durch die Bank hatten sich die anderen Fahrer für leichte Reifen entschieden. Wer die Materie versteht, dem sind die Vorteile und die Nachteile dieser Strategie eingängig. Mir kamen angesichts der übrigen vielen leichten Reifen jedoch Zweifel, ob meine Wahl, meine Entscheidung für einen schweren, sicheren Reifen, die richtige war.
Da Gravelbike-Puschen auch schmaler ausfallen, kamen 99% der Teilnehmer nur auf die Hälfte der rotierenden Masse, die ich hier am Start hatte. Wieder einmal arbeitete ich an der Verdrängung dieses weiteren Nachteils meinerseits.
Die Wassertropfen tanzten auf dem nahen Lautsprecher, der die ungeduldige Meute mit treibender Musik beschallte und auf das Bevorstehende einstimmte. Nervös klickte man sich ein und aus, positionierte die Pedale, versuchte durch ein beiläufiges Vorrollen noch einen Platz gutzumachen und heuchelte Entspannung. Die Un-Entspannung war jedoch so dick, dass man sie mit dem Messer aufs Brot hätte schmieren können. Den ganzen dünn-geradelten und Kohlehydrat-gepimpten Spandex-Kaspern dampfte hundertfach die Nervosität aus der Arschkerbe. Hilflos rutschten wir auf den Sattelpolstern hin und her und versuchten, nicht zu zittern. Als uns der Countdown endlich erlöste, konzentrierte ich mich nur darauf, das allgemeine Anrollen ohne Sturz zu überstehen. Summend schleuderte das freigelassene Pack das Wasser in alle Richtungen, rollte über die Linie und bog nervös schaltend auf die Ringstraße ein. "The Rift 2025" hatte offiziell begonnen und ich war dabei, „Hurra!“. Das Rennen verlief auf den ersten 7 Kilometern, entlang der Ringstraße, hinter einem Pace-Car, welches nicht überholt werden durfte. Erst nach mit dem Abbiegen nach links ins Hochland würde der eigentliche Kampf beginnen. Relativ schnell und mit dem entsprechenden Windschatten fuhr ich schon im höchsten Gang und achtete konzentriert auf die Dynamik des sich nun bildenden Feldes. Ich konnte erkennen, dass praktisch alle Teilnehmer Erfahrungen im Gruppenfahren hatten und sich geschickt verhielten. Sämtliche Teilnehmer schienen das sich abzeichnende Bremsmanöver zum Abbiegen punktgenau zu erwarten und so verlief auch dieses reibungslos und erstaunlich flüssig. Dies sprach für eine starke und erprobte Konkurrenz.
Den ersten rauen Untergrund bildete hellgrauer, grober Flusskiesel. Obwohl die Herausforderung beim Überfahren dieser glatten und runden Steine eher im Spurhalten bestand, gab es auf den ersten Kilometern bereits Ausfälle. Die Fahrer mit den Pannen scherten aus und begannen mit genervtem Gesichtsausdruck schweigend und zügig ihre Reifen zu reparieren. Ich hoffte inständig auf das Ausbleiben eines solchen Ereignisses. Optimistisch begann ich mich nach vorne zu arbeiten und immer wenn der Untergrund es zuließ, sprintete ich an den jeweils nächsten 2-3 Teilnehmern vorbei. Dazu musste ich den groben und rauen Mittelstreifen befahren, was aber ganz gut möglich war. Meine 54er MTB-Reifen schienen hier, gerade im direkten Vergleich mit den dünneren Reifen der Konkurrenz, einen Tick ruhiger zu laufen. Körpergefühl und Puls waren gut und ich fragte mich wirklich, ob ich nicht vielleicht etwas zu euphorisch in dieses lange Rennen gestartet war.
Die erste Wasserdurchfahrt stand an und die erste Entscheidung „Zische ich durch oder steige ich ab“ musste gefällt werden. Anhand der Leute vor mir erkannte ich kurzfristig keine verwertbare Tendenz. Ganz im Gegenteil, ich sah sogar Profis, die stumpf in der Furt umfielen und jämmerlich mit „Kopf unter Wasser“ absoffen.
Auf dem Fahrrad hat eine Flussdurchfahrt eine besondere Dynamik. Der Fahrwiderstand wird ab einer gewissen Wassertiefe so hoch, dass man den meist rauen Untergrund nicht mehr meistern kann. Außerdem wird dieser zunehmend unsichtbar. Dazu überschätzen viele die Ausfahrt, bei der ab der Mitte die unvermeidliche Steigung zum hydrodynamischen Widerstand noch hinzu kommt. Ich kam ganz gut durch, musste aber bei der Ausfahrt, gottlob ohne Sturz, auch aus dem Sattel.

Im Lauf klinkte ich mich wieder ein und machte so ein paar Plätze gut. Die erste echte Steigung sortierte das Feld aber wieder neu. Anstiege verraten Fähigkeiten und peinlich genau achtete ich auf eine Gruppe Briten, die sich vor mir den Buckel bergauf kämpfte. Die sprachen zwar nicht, keiner der Rennfahrer tat dies, aber ich konnte mich an deren Trikots erinnern. OK, hier beschloss ich zunächst dran zu bleiben, denn sie waren jung, stark, organisiert und fuhren diszipliniert.
Dann offenbarte sich jedoch eine Möglichkeit, die ich gründlich unterschätzt hatte. Die vielen Pannen, vor denen auch die an sich vorausfahrenden Profis betroffen waren, führten zu einer Anzahl von sehr starken Teilnehmern, die nach erfolgreicher Reifenreparatur das Feld von hinten her aufrollten und somit ungeahnte Windschattenvorteile offenbarten.
Die Briten schienen dies zu erwarten, sprachen sich ab und hängten sich beißend an jeden Profi, der überholte. Das erschien taktisch klug und obendrein entlarvte die Farbe der Startnummer die begehrten Profis. Ich tat es ihnen gleich und folgte ebenfalls so lange ich konnte.
Aber einfach verarschen ließen sich die Profis auch nicht. Sie setzten bei den Steigungen taktische Attacken, um die lästigen Anhängsel loszuwerden. Wer da nicht folgen konnte, der wartete eben auf den nächsten. Das Angebot war zwar reichlich, aber so ein Wechsel kostete stets Zeit. Tatsächlich hatte ich auf keinem Fahrradrennen, und sei es auch ein reines Mountainbike-Rennen, so viel Defekte und Stürze gesehen. Welch ein Kampf, was für ein Schlachtfeld, welch ein Gemetzel...
Meine Puls-Uhr, die zum Glück für die Aufzeichnung des Rennens auf Strava funktionierte, verriet mir wenigstens die gefahrene Distanz und die Rennzeit. Bislang war die Orientierung gut, Schilder, Spuren und vorausfahrende Mitstreiter ließen mich hoffen. Wir befuhren die südliche Fjallabaksleið, gleichwohl ich beim besten Willen keinen Vorteil aus der Tatsache ziehen konnte, sie schon mit dem Unimog „bezwungen“ zu haben. Fahrradrennen ist komplett anders und in einer Rennsituation kommt auch nicht wirklich Entspannung auf.
Inzwischen rollte das Race auf scharfkantigem Lavagestein im Wechsel mit schwarzem Lava Sand. Die Abstände wurden größer, das Feld zog sich nochmal weiter auseinander und mancher Strampler vereinsamte auf den gewaltigen Ebenen. Die erste Versorgungsstelle erschien am Horizont, während sich das Wetter erwartungsgemäß besserte. Eine kleine Gruppe Männer stand an dem Zelt mit den Power-Riegeln und den Iso-Getränken, hielt inne und füllte die Trinkflaschen auf. Andere hielten sich die Trinknippel in den Mund und lutschten am Plastik.
Hier offenbarte ich wieder einmal meine abweichende Vorgehensweise. Ich schraubte die Deckel der hellblauen Gatorade-Flaschen ab, beförderte den Inhalt jeweils in einer Sekunde in meinen Magen und schnappte mir zwei Power-Riegel, die ich aufriss und an den Lenker pappte. Somit blieb ich praktisch nicht stehen und rollte sofort weiter. Diese Nummer schienen mir die Wartenden aber nicht so einfach durchgehen zu lassen, schmissen ihre Flaschen weg und bestiegen kauend mit aufgerissenen Augen wieder ihrer Räder. In Nullkommanichts hatten sie mich eingeholt.
Aber sie hatten es übertrieben, denn ihre Schnauferei verriet die anaerobe Anstrengung, die sie für dieses Manöver hatten abrufen müssen. Ich konterte mit Pokerface und blieb demonstrativ sitzen, als sie versuchten an der kommenden Steigung stehend mitzuhalten.
Oben konnte ich zurückblickend einen ersten kleinen Sieg verzeichnen, denn sie konnten mir nicht folgen. Der Streckenposten am Pass feuerte mich lauthals an, indem er mit einem Schraubenschlüssel auf eine alte, verdallerte Fahrradfelge trommelte. Vor mir tat sich eine Abfahrt auf, die auf schwarzem Sand steil in einer ausgewaschenen Querrinne endete. Ein Mädel, deren langer Zopf unter dem Helm heraus baumelte, befand sich vor mir, kurz vor der Talsohle. Sie ballerte rasant durch die schlecht sichtbare Rinne, überschlug sich und blieb reglos neben der Strecke liegen. Der Fahrer, der nur wenige Meter vor ihr fuhr, bemerkte den Sturz und blieb sofort stehen. Er rannte zurück und kümmerte sich sofort um die Gestürtzte. Ich traf einige Sekunden später bei der immer noch am Boden liegenden Frau ein und gemeinsam versuchten wir, sie anzusprechen. Sie hatte offensichtlich ordentlich einen „auf den Deckel“ bekommen und konnte zunächst nicht geradeaus gucken. Sie kam dann aber langsam wieder zu sich und versuchte aufzustehen. Wir hinderten sie daran und bestanden darauf, dass sie sich zunächst hinsetzen sollte. Wir fragten sie nach dem Wochentag und nach ihrem Namen. Sie wurde immer klarer und sie bestätigte uns auch, dass sie keine schlimmen Schmerzen hätte.
In diesem Moment fuhr die gesamte Gruppe, die ich bei der Versorgungsstation so schön überholt und am Berg abgehängt hatte, an uns vorbei. Hier zeigte sich, dass auch nur wenige Sekunden Ausfall die Position in einem langen Rennen relevant verändern können. Wie muss es da jenen gehen, die mehrfach Reifen flicken müssen? Natürlich saßen wir auf Kohlen und wollten weiter, aber so einfach konnten wir das Mädel auch nicht hier zurücklassen, obwohl sie uns dringend dazu aufforderte. Erst als der aufmerksam gewordene Streckenposten mit seinem Auto in unsere Richtung fuhr und das gestürzte Mädel wieder lächelte, schwangen wir uns mit dem dringenden Vorhaben, alle Überholer wieder einzuholen, auf die Räder.
In der Tat gelang es mir, nach mehreren harten Minuten, wieder aufzuschließen, aber ich hatte dafür viel investieren müssen. Ganz alleine und ohne Windschatten sah ich über einen längeren Zeitraum die betreffende Gruppe am Horizont vor mir her fahren. Ich kam nur ganz langsam näher und als dann endlich wieder ein Profi von hinten kam, gelang es mir unter größten Anstrengungen, wieder Anschluss zu finden.
Leider konnte ich die Retourkutsche, den taktischen Sprint, der diesmal bergab angesetzt wurde, nicht ganz mitgehen. Eventuell rechneten sich die Kandidaten mit ihren Aero-Gravelrädern hier höhere Chancen aus, ein MTB in der schnellen Abfahrt anzugreifen. Sie hatten mich mit meinen eigenen Methoden geschlagen. Dabei fiel mir auf, dass einer der Männer am linken Knie blutete. Es sah beinahe so aus, als ob er es sich am Rahmen aufgescheuert hatte. Was für eine Tortur, was für eine Schinderei...

 
 
 
 
Darauf durchlief ich mein erstes psychisches Tief, was vielleicht auch daran lag, dass ich nach 70 km mal tüchtig abgezogen wurde. Ich drehte mich um und schon in einiger Entfernung folgten mir die nächsten Wölfe. Sie würden mich armes Reh demnächst einholen und fressen. In Landmannahellir war es dann soweit, ich wurde von drei Fahrern überholt und musste wenig später sogar erneut abreißen lassen. Völlig fertig und im Zweifel, angesichts der fortschreitenden Erschöpfung das Ziel überhaupt noch zu erreichen, rollte ich in die nächste Versorgungsstation. Ich exte drei Pullen hellblaues Gatorade mit zusätzlichem Pulver, welches mir die nette Dame aufmunternd in die Flasche kippte. Dazu drückte ich mir drei Gels rein und schluckte 5 Dextrose-Tabletten.
„Einfach weiter fahren“, redete ich mir ein, du hast zu viel investiert um jetzt aufzugeben und leiden kannst du schließlich besser als die anderen Atzen. Das ist die einzige Fähigkeit, die mit dem Alter nicht abnimmt.
Es folgten knackige und teils unfahrbare Steigungen, die einige Teilnehmer gar nicht auf dem Fahrrad angingen. Sie stiegen frühzeitig aus dem Sattel und schoben ihre Carbon-Esel zu Fuß den Buckel rauf. Wer das gut einschätzte, der konnte hier Sekunden gutmachen. Ich beobachtete Profis, die sogar früh absprangen und ganz vorsätzlich die steilen Steigungen hinauf rannten. Es brauchte gewiss andere Muskeln und so kopierte ich diese Taktik. Dennoch war es sinnvoll und von einem gewissen Zeitvorteil gekrönt, wenn man die eine oder andere Steigung fahren konnte. Es kam ganz darauf an, dies vor der Rampe genau einzuschätzen. Mit meinem 40er Kettenblatt hatte ich da gegenüber den meisten Gravel-Bikes aber keinen MTB-Vorteil. Da bemerkte ich einen Teilnehmer, der etwa auf meinem Niveau strampelte. Wir bewegten uns eine ganze Weile lang nicht aus den Augen und konnten sowohl bei Steigungen als auch bei Abfahrten mit dem jeweils anderen mithalten. Ich vermutete, dass er etwa in meinem Alter war und daher sprach ich ihn spontan an. Mir ging das ohnehin auf den Senkel, dass hier kaum jemand mit dem anderen redete. Da hat man doch wenigsten das Rennen gemeinsam und ich möchte jenen sehen, der dies als Bagatelle abtut. Hat man da etwa nichts zu bereden? Das konnte ich nicht akzeptieren.
„It is an old mens bike race, insn`t it?“ begann ich das Gespräch.
Er lachte, „It sure is.“ Wir waren uns auf der Stelle sympathisch.
Die Situation empfand ich als sehr erheiternd. Hier radelten wir, stets am Rande des körperlich Möglichen, auf der spektakulärsten Gravel-Strecke dieses Planeten, im Aufruhr der Elemente nebeneinander her und kamen darüber überein, hier hin zu gehören. Über unsere Bewegungen und taktische Züge tauschten wir uns aus, wir stellten uns einander vor und wir verstanden uns. 
 

Runar hatte schon mehrfach an diesem Rennen teilgenommen und ich konnte spüren, dass er genau wusste, worauf er sich eingelassen hatte.
„Come on, let`s get the guy in front of us“, schlug ich vor. „I will do the first three minutes and then you need to take over." Eine weitere Absprache war gar nicht nötig, wir hatten in der zurückliegenden halben Stunde schon genug voneinander gesehen.
Es klappte, und hocherfreut gelang es uns, den Mann vor uns zu überholen, gleichwohl er deutlich jünger war als wir. So begann dann die Erfolgsstory des „Rollenden Jahrhunderts“. Zweifelsohne waren wir zusammen über 100 Jahre alt. Radler um Radler wurde nun im Team angegangen und „abgehängt“. Inzwischen hatte ich meine Zuversicht komplett zurück gewonnen. Wir stießen bei jedem kleinen Sieg die Fäuste zusammen, wie es Radfahrer tun und feuerten uns gegenseitig an.
„I hope I can keep doing this, you are stronger than I am", sagte ich, als wir mal wieder gemeinsam bergab schossen.
„We will know that at the finish line“, meinte Runar und ich beschloss, das gelten zu lassen.
Leider wurde er schon kurz darauf langsamer und klagte plötzlich über Krämpfe. Ich bot an, ihn im Windschatten über diese Krise zu ziehen, aber er winkte ab.
„No Thomas, keep going fast, I don`t want to slow you down“, forderte er mich auf. Ich wollte aber unser Team nicht so einfach achteraus aufgeben und blieb zunächst noch vor ihm. „Go!“, rief Runar, „see you in Hovsfjöllur."„Go, go!“
Ich nickte, dreht mich nochmal grüßend um und ging die nächste Steigung alleine an. Dabei erlaubte ich der anklopfenden Traurigkeit nicht, meine Euphoriewelle zu brechen. Diese würde ich auf dem kommenden Abschnitt noch gehörig brauchen.
Ich blickte nach einigen Minuten nochmal zurück weil ich hoffte, mein Kamerad wäre doch irgendwie drangeblieben. Leider war Runar nicht mehr zu sehen.
Auch oben auf dem Pass, wo man weit in alle Richtungen schauen konnte, umgab mich wieder die totale Einsamkeit aus Nebel, Wind und knirschendem Lava-Sand. Es sind diese intensiven Momente, an die ich mich besonders gerne erinnere und die mir nach Jahren noch einen Schauer über den Rücken schicken. Eigentlich befand ich mich doch in höchster Anspannung, inmitten einer Rennsituation unter extremem Zeitdruck, wie im Tunnel und mit Renn-Puls immer am Rande des Zusammenbruches. Trotzdem bot sich mir plötzlich dieses friedliche, stille und abgeschiedene Island wie im Auge eines Sturmes.
Wenig später traf ich das erste Mal auf Ulli, die sich fototechnisch platziert hatte und aufgeregt winkte. Am Fuße des kleinen, knackigen Anstiegs befand sich ein Altschneefeld, welches nur schiebend durchquert werden konnte. Michael ließ eine Drohne fliegen und Ulli hatte ihr großes Objektiv auf der Kamera. Dies motivierte mich und es gelang mir, auf zwei weitere Konkurrenten aufzuschließen.

 
 

Interessante Vorgänge waren hier am Werk. Da kämpft man sich durch die Einsamkeit, freut sich an ihr, aber die größte Motivation entsteht wieder durch die menschlichen Kontakte oder die schiere Aussicht darauf. Ich beschloss, fortan im Kopf von Rendezvous zu Rendezvous mit meinem Foto-Team zu eilen.
Die Versorgungsstation vor einer weiteren, sandigen Steigung offenbarte die fortschreitende Erschöpfung einiger Kombattanten. Stöhnend wurden Glieder gestreckt, Krämpfe massiert und Laktat-Walk praktiziert. Einige hingen mit herausgestreckter Zunge über den Lenker und andere verloren beim Pinkeln gegen den Horizont das Gleichgewicht. Wer setzt sich denn freiwillig einer solchen Quälerei aus? Staubgesichter mit Schweißbahnen darin, Stöhnen, Sabbern, schwerer Atem, Salzkrusten, Schürfwunden, Tränen und Kopfschütteln. Die Helfer hatten alle Mühe, die ganzen weggeworfenen Plastikflaschen einzusammeln, die der Wind schnell in der schwarzen Weite verteilte.
Ich riss ein Folienpaket aus zusammengeschweißten, hellblauen Gatorade-Flaschen auseinander und schüttete zum allgemeinen Erstaunen binnen 30 Sekunden 4 Pullen in mich rein. Bis heute habe ich keine Erinnerung an die Geschmacksrichtung. Künstlich, nass, sauer, hellblau und überraschend wenig nach Schwimmbad. Die Plastik-Nuckelschnuddel brauchte ich wieder nicht, ich schraubte immer nur den Deckel ab und feuerte die Schwerkraft an, doch etwas doller die Flüssigkeit einzufordern. Dann schwang ich mich mit blubberndem Magen auf den Sattel und kurbelte an der durchweg schiebenden Meute vorbei den weichen, sandigen Hang hinauf. Ich kann nicht genau sagen, was über mich gekommen war, aber ich fühlte mich auf einmal großartig. Meine Puls-Uhr bestätigte 150 gefahrene Kilometer und ich wusste, dass ich die fiesen Steigungen nun alle hinter mir gelassen hatte. Zudem hatte ich bislang noch keine Panne und dafür war ich einfach unendlich dankbar. Tief im Rad und mit beiden Händen den Lenker ganz innen greifend schoss ich mit einer ungekannten Zuversicht die Abfahrten herab und hielt in den Ebenen Geschwindigkeiten, die mich selbst erstaunten.

 

„We are in front of the field“, meldete ein Rennteilnehmer, den ich auf der langen Geraden stumpf überholte und der mein Hinterrad nicht im Ansatz halten konnte. Dies ließ mich um so härter in die Pedale treten. „Von jetzt an kommt keiner mehr von hinten, jetzt kriege ich die ganzen Dünnies am Arsch“, rief ich und fetzte im Slalom um die faustgroßen Steinbrocken auf der Piste.
„Jetzt nur keinen dummen Sturz“, „Jetzt nur keinen dummen Sturz“, wiederholte ich minutenlang im 4/4 Takt meiner Pedale.
Ich erlebte die stärkste Phase des Rennens und genoss es tierisch, wenn die auf Speed gebürsteten Rennradler staunend feststellten, dass sie sich auch auf den flachen Geschwindigkeits-Etappen von einem Mountainbike überholen lassen mussten.
An der letzten Versorgungsstation, so bei 170km wagte ich einen Blick zurück. Am Horizont war niemand zu sehen. Zwei orangefarbene Gatorade hörten den Schlag nicht und schon schepperte ich wieder auf den bekannten, groben Flusskieseln die lange, gerade Straße entlang. Zum Glück war ich bei dem nötigen Riesenrülpser schon außerhalb der Hörweite. Nun bewahrheitete sich eine Befürchtung meinerseits: In einer nebligen Senke fuhr ich an eine Kreuzung heran, wobei ich diesmal nicht genau wusste, wo es weitergehen würde. So befand ich mich zwar schon auf dem Streckenabschnitt, der während des Rennens doppelt befahren wurde und ich war mir auch zu 90% sicher, dass es rechts ab ging, aber leider verrieten die Spuren dies nicht eindeutig. So ein Risiko wollte ich nicht eingehen, denn einmal falsch abgebogen, würde mich weit zurückwerfen. Alle Teilnehmer, die ich in der letzten halben Stunde überholt hatte, würden wieder an mir vorbei schießen. Ich entschied mich auf den nächsten Teilnehmer zu warten und verfluchte meinen entladenen Fahrradcomputer. Ungeduldig drehte ich immer wieder den Kopf und redete mir ein, durch die erzwungene Rast nun kurzzeitig wieder schneller fahren zu können. Endlich kam ein weiterer Radfahrer angerollt. Ich starrte ihn erwartungsvoll an, denn ich erwartete, dass er mir die Richtung schon aus der Entfernung entgegenrufen würde. Frei nach dem Motto „Go right“. Aber er lachte nur verächtlich, weil ich offensichtlich zu doof war, mich hier zurechtzufinden. Mit Schwung rollte er an mir vorbei.
Aber so einfach ließ ich mir die Klatsche nicht gefallen. Ich beschloss, den Mangel an Sportlichkeit noch an Ort und Stelle zu kommentieren und zwar mit dem Beweis, dass ich es vermag, aus dieser Aktion mehr Motivation zu schöpfen als er hoffte, Unvermögen vorzufinden.
Aber jetzt vor Wut in der Ebene davon ziehen, damit er schön meinen Windschatten lutscht, wäre taktisch unklug. Ich riss mich zusammen und wartete den nächsten kleinen Anstieg ab. Dann attackierte ich hart. Er hielt mit, aber ich wusste, dass sich meine Chancen am nächsten Buckel noch erhöhen würden. Meine kleine Pause bescherte mir nun diesen Vorteil. Der würde sich um so mehr auszahlen, ja näher ich an meine Grenzen ging. Mit ordentlich Wut im Bauch beschleunigte ich in die Abfahrt hinein, hielt aber die letzten Körner noch zurück. Der nächste, kurze Gegenanstieg würde die Entscheidung bringen. Und so war es dann auch. Es gelang mir, mich knapp ein Dutzend Meter zu distanzieren. Dies ist taktisch noch kein ganzer Erfolg, aber so funktioniert Radrennen nun mal nicht. Das erste Anzeichen einer Niederlage lässt viele hinter die Euphoriewelle fallen, obwohl sie körperlich durchaus noch im Rennen sind und weiter mithalten könnten. Es ist eben eine vornehmlich mentale Angelegenheit, so ein Duell. Glücklicherweise kam zum richtigen Zeitpunkt ein weiterer, schöner Gegenanstieg, den ich zum Ausbau meines Schachzuges nutzen konnte. Ich redete mit mir selbst: „Zeig ihm, dass du nicht schaltest, bleib sitzen, atme leise und tritt einfach die Frequenz weiter. Lass ihn dabei zusehen, wie du so mir nichts dir nichts 1000 Watt treten kannst." "Zeig ihm, dass Du selbst auf einem MTB flotter bist." Das erhöhte die Distanz zwischen uns auf 60 Meter. Fortan gab es für ihn auch keinen Windschattenvorteil mehr. Er musste nun zwangsläufig die gleichen Watts treten, die ich trat.
Aber jetzt hieß es: „Nicht nachlassen und dran bleiben." Es war schließlich noch nicht vorbei. Ordentlich schnaufend und schwitzend hetzten wir in unverändertem Abstand dem Einbiegen auf die Ringstraße entgegen. Ich konnte förmlich spüren, wie mein Verfolger alles daran setzte, wieder aufzuschließen. Da sah ich in Reichweite vor mir eine Frau fahren, die ich bald einholen würde.
Ich musste leider sofort überholen, um den Verfolger auf Distanz zu halten. Sie scannte die Situation aber umgehend und klemmte sich geschickt an mein Hinterrad. Ich wusste, es sind jetzt nur noch rund 10 Minuten Strecke übrig. Dies galt es nun richtig einzuteilen. Wir summten mit etwa 38km/h über den Asphalt. Der Dreck, der sich nun lautstark von unseren Reifen verabschiedete, flog uns peitschend um die Ohren. Mich hier so kavaliersmäßig anzubieten, bescherte mir die nötige Schmerztoleranz, denn inzwischen fühlte ich deutlich die hinter mir liegende Strecke in meinen Beinen. Die überraschend starke Frau folge dichtauf und verriet somit eingehende Erfahrung im Gruppenfahren. Ihr Vorderrad war keine 10 Zentimeter von meinem Hinterrad entfernt. Sie hielt diese Position absolut präzise und trat ihre Frequenz perfekt.
Plötzlich rief sie: „Come on, it is just three and a half k to the finish line!“
„Ach, Fräulein geht es wohl nicht schnell genug“, stellte ich überrascht und auch etwas belustigt fest. Ich war aber schon mit meinem Einsatz auf den Schluss eingestellt, brannte am Anschlag und die hohe Funkantenne am Ortseingang kam und kam nicht näher. Seit Minuten schon deutlich anaerob unterwegs, erhöhte ich meine Leistung also nochmal um einen winzigen Tick. Sie verstand mein Befinden, aber das war ihr immer noch nicht schnell genug. Plötzlich zog sie hart nach links in den Wind, sprintete an mir vorbei und fuhr eine deutlich höhere Geschwindigkeit voraus. Schluckend las ich auf meiner Uhr „43km/h“. Sie trat vollkommen rund, duckte sich tief und atmete gleichmäßig. Die wusste ganz genau, was sie da tat, das war keine Fehleinschätzung, das war kein Kurzschluss. Mir war völlig klar, dass ich das nicht bis zur Antenne am Ziel würde halten können, stellte aber zufrieden fest, dass wir unseren Verfolger nun brutal distanzierten. Jetzt ging es darum ihren Windschatten so lange wie möglich zu nutzen. Der flache Anstieg kurz vor dem Ortsschild gab mir dann aber endgültig den Rest. Die beginnenden Krämpfe meldeten sich und langsam entfernte sich das rettende Hinterrad. Aus dem Windschatten gefallen blieb ich gefühlt stehen und das hohe Zischen meiner Reifen verwandelte sich wieder in ein tiefes Brummen. Viel Zeit, dies wirklich bewusst wahrzunehmen, blieb mir allerdings nicht, denn kurz darauf rollte ich schnaufend, völlig ausgelaugt, aber ohne Krampf, über die Ziellinie.

Ich verkniff es mir, mich nach meinem „Konkurrenten“ umzusehen. Sollte es ihm gelungen sein aufzuschließen, dann bekommt er mein Angstgesicht nicht noch ein zweites Mal zur Bestätigung. Es sah aber ganz so aus, als ob ich es tatsächlich gerade noch „heim gefahren“ hatte, denn mein Verfolger überholte mich erst ein ganzes Stück hinter der Ziellinie.
Als ich dann langsam von der abgesperrten Strecke nach links auf die große Wiese ausrollte, stand mein junges „Windschatten-Mädel“ schon grinsend an dem großen Banner und wartete auf ihre Gruppe.
Ich hätte ihr gegenüber gerne meine Dankbarkeit ausgedrückt, brachte es aber in dem Moment nicht fertig.
„Very strong performance“, stammelte ich, nickte ihr anerkennend zu und hielt den Daumen hoch. Sie lächelte kurz und sah dabei lange nicht so fertig aus, wie ich mich nun fühlte.
„Gott und dem heiligen Christophorus sei Dank“, es war heil überstanden, ich hatte diese elende, elende, elende, dreimal elende Schinderei, die mir so wichtig war, für die ich so viel trainiert hatte, für die ich achteinhalb Stunden alles gab, endlich hinter mich gebracht. Dieses Gefühl ist einmalig und wer Vergleichbares nicht erlebt hat, dem ist dies nicht zu vermitteln oder treffend zu beschreiben. Wer tatsächlich diese Zeilen liest und nicht nur die Bilder durchscrollt, der wird hinter dem letzten Bild noch ein verlinktes Video finden. In dieser dankbaren und vom Erfolg geschwängerten Atmosphäre fanden schließlich die zünftigen After-Race-Parties statt. Schnell schnappte ich mir eine Dose Bier aus den herumstehenden Eistonnen und schüttete diese in mich hinein. Eine zweite und dritte folgten dichtauf. Erst der miese Geschmack dieses katastrophalen, pink-Silber Glitzer Dosen IPA-Letöls holte mich auf den Teppich zurück. „Ja, Pfui-Teufel aber auch, was für ein widerliches Dreckszeug." Ich hätte meinen linken Arm gegen ein schönes kaltes, schaumiges, schwarzes, schweres, geiles Glas Guinness eingetauscht, echt wahr. Oder so ein isotonisches, entspannendes Erdinger-Dunkel. Aber es half nichts, es gab nur rosafarbenes Blech zum Zischen. Vor mir lagen schon einige Fahrer neben ihren Rädern auf der großen Wiese in der Sonne und feierten johlend ihr Finish. Sie prosteten mir lachend zu, denn sie hatten gesehen, wie ich wegen des Biers angewidert das Gesicht verzog. Hatte ich mich so etwa als Deutscher geoutet? „Scheiss-Plörre, aber egal“, rief einer, neben dem schon ein ganzer Haufen leerer Dosen im Gras lag. Die Sammlungen aus leeren Bierdosen wirkten wie Primeln auf einer Osterwiese.
In diesem Moment tippte mich Ulli von hinten an die Schulter und umarmte mich. „Na wie war es?“ fragte sie. Wir mussten auf die Seite springen, denn nun trafen immer mehr Fahrer ein. „Lass uns da rüber gehen“, schlug ich vor und wir gesellten uns zu einer kleinen Gruppe am Rande. Plötzlich traf auch Runar ein und hielt auf uns zu. Die kleine Gruppe entpuppte sich als seine Familie, worauf ein freudiges Händeschütteln und eifriges Begrüßen folgte. Ich reichte meinem Renn-Partner sein erstes Bier und unsere behandschuhten Fäuste berührten sich nochmals zum Gruß.
„We were such a good team“, stellte ich meinen Kameraden vor. „We absolutely were“, erwiderte Runar und leerte seine erste Blechdose. Ich freute mich über diese spontane Bekanntschaft. Wir tauschten unsere Kontakte und folgten uns sogleich auf Strava. „If it is not on Strava, it never happened“, kommentierten wir im Chor und erzeugten einen weiteren Lacher. Auch Michael, unsere Fahrer, Fotograf und Drohnen-Pilot, war inzwischen eingetroffen und gratulierte. Wir bedankten uns bei ihm, er hatte noch einen weiteren Termin an diesem Tag und bot an, uns zum Schwimmbad zurück zu fahren.
„The swimming pool is offering showers“, meinte Runar und tatsächlich hatte ich eine Dusche bitterst nötig. Die Wiese war inzwischen komplett gefüllt, ständig trafen neue Finisher ein. Wir verabschiedeten uns herzlich von unserer neuen Bekanntschaft und spazierten rüber zum Parkplatz des Laugs. Beim Verladen meines Fahrrades in den Kofferraum unseres Mietwagens entfuhr es mir: „Weißt Du, was ich noch vergessen habe, ein Handtuch." „Ach, das geht bestimmt auch so“, meinte Ulli. Ich zog meine verschlammten Schuhe und Radklamotten an Ort und Stelle aus und betrat im Fleece-Pulli, auf Socken tippelnd die Eingangshalle. Die junge Dame am Schalter lächelte und schickte mich mit einer Kopfbewegung in Richtung Umkleide. „The shower is free for the Racers“, sagte sie. Tolle Sache Island, kein Nachweis, kein Papier, kein Beschiss, einfach Vertrauen.
Ich genoss das heiße, leicht nach Schwefel riechende Wasser, welches die nächste Viertelstunde meinen geschundenen, alten Kadaver aufweichte. Ach war das herrlich, ganz leicht angetrunken das viele Wasser über den Buckel durch die wunde Kerbe laufen zu lassen. Kaum weitere „The Rift“-Teilnehmer nutzten dieses Angebot, was mich sehr wunderte.
Neu eingekleidet und gänzlich frisch gemacht trat ich wieder vor die Tür. Ich fühlte mich prima flauschig. Ulli hatte im Auto gewartet und sah mich durch die Windschutzscheibe aus dem Bad kommen. Sie winkte und stieg aus. „Na, was machen wir jetzt?“ fragte sie.
„Ich meine, es gibt noch eine Siegerehrung, aber wann das genau ist, weiß ich nicht“, entgegnete ich. Wir schlenderten wieder zurück in Richtung Musik, die aus den vielen Lautsprechern den Festplatz und die ganze Gegend beschallte. Die After-Race-Party hatte sich zu einer tosenden Menschenmenge mit Festival-Atmosphäre entwickelt. Besonders dicht gedrängt standen die Leute bis in das kleine Zelt hinein, wo es neben diversen Essens-Ständen auch ein Podium gab. Alle Verköstigungen waren umsonst, trotz fehlender Absperrungen. Eine Einlass-Kontrolle gab es auch nicht. Das ist so etwas von ober-cool und lässig, dachte ich noch bei mir, als die Ansagerin das Mikrofon ergriff und die Siegerehrung ankündigte. „Mensch, da stehen wir ja gerade zur rechten Zeit am rechten Ort“, kommentierte ich unser Glück und verdrückte einen dritten Doppel-Hotdog mit Zwiebeln und Gurkenscheiben.
Zunächst waren die Profis dran, sie wurden mit Namen aufgerufen und betraten jeweils unter lautem Beifall das Treppchen. Sie hielten ihre Trinkhorn-Pokale triumphierend in die Höhe und mussten sogleich der nächsten Podium-Besetzung Platz machen.
Die angetrunkene Menge johlte und forderte jeden Sieger auf dem Treppchen zum Austrinken des Pokal-Horns auf. Hinter der Bühne füllten zwei Helfer die Trophäen eilig mit dem rosa-silbernen Blechbier.
Inzwischen waren „men from 50 to 59“ an der Reihe und nachdem der dritte ausgerufen war, folgte der zweite. „And the second place goes to Thomas“, rief die Frau. „Thomas were are you?“ „Please come to the front“, wiederholte sie die Ansage.
Da fuhr es mir brandheiß ins Gebein. Meinten die etwa mich? Ich hatte keine Ahnung von meiner Platzierung und es war auch mangels einer Ergebnistafel nicht möglich nachzuschauen. Angesichts der Rennsituation oder der Anzahl der Teilnehmer, die vor mir im Ziel waren, hätte man auch keine Annahme treffen können. Online hatte ich auch noch nicht nachgeschaut und in den nächsten 3 Sekunden wäre mir das auch nicht gelungen. Jene, die das 140k Rennen fuhren waren natürlich alle schon vorher da. „Thomas, if you are not here, we need to carry on“, war für mich der letzte Aufruf. „What is the Last Name?“ brüllte ich mutig heraus. Die Menge drehte die Köpfe in meine Richtung. Mann, wäre das jetzt peinlich, wenn sich die die alte, fette Nulpe da drüben für einen Sieger halten würde und in Wahrheit gar keiner ist. Sie schaute auf die Liste und stammelte: „Luka-Lukas-ik“. Ach du Kacke, Gottseidank ob der Peinlichkeit, sie meinte wirklich mich. In der letzten Sekunde schaffte ich es, mich ganz nach vorne zu drängeln. Die Ansagerin lief mir entgegen und hielt mir das Mikro hin: „How do you say it right?“ „Lukasczyk“, sagte ich so korrekt wie ich konnte, falls sich „echte“ Polen im Publikum befinden würden. „Well,  Thomas Lukasczyk, off to the Podium, congratiolations“, schallte es aus dem Lautsprecher. Ulli fotografierte wie wild und ich gab dem Erstplatzierten die Hand. Wir erhielten unsere Pokal-Trinkhörner und wurden natürlich aufgefordert, diese an Ort und Stelle zu leeren.

Unter lautem, rhythmischen Gejohle und Geklatsche schüttete ich den Inhalt des komplett gefüllten Horns in mich hinein und hielt anschließend beweisend das leere Gefäß verkehrt herum über mich. Die Menge applaudierte. Der Kollege links über mir war noch beim Trinken, als einer aus dem Publikum laut „Mountainbike“ rief. Ich konnte den Mann nicht ausmachen und grinste daher den Kopf nach links und rechts drehend in die Menge. Vermutlich hatte er mich beim Rennen als einen der ganz wenigen Mountainbiker erkannt und fuhr auch eines. Ich freute mich über diesen Gruß unter hunderten von Gravelbikern. Es hat ja auch was, als Mountainbiker auf dem Treppchen eines Gravel-Rennens zu stehen. Und schon wurden die nächsten ausgerufen, wankend verließ ich das Podium und trat auf Ulli zu, die mich nochmal umarmte. „Mensch, du warst ja Zweiter“, rief sie, als sie mich wieder losließ. „Das ist doch echt toll, was für ein Abschluss für unseren Trip." „In meiner Altersklasse“, antwortete ich entschärfend, aber tatsächlich trieb mich dieses Ergebnis so weit in die positive Überraschung, dass ich mir einen heftigeren Alkohol-Rausch wünschte. Platz 21 in der Gesamtwertung bei 420 Teilnehmern ist ja auch eine Ansage. Ich hatte mein Flatbar, meine Federgabel, meine dicken Reifen und meinen schweren Metallrahmen und nicht zuletzt meinen 50 Jahre alten Schrumpelbuckel auf einem internationalen Offroad-Fahrradrennen aufs Podium gefahren. Mit meinem selbst entworfenen und selbst konzipierten Fahrrad hatte ich zig Millionen Dollar an Gravel-Carbon-Hightech-Equipment besiegt. Meine Strategie und alles was ich hier in die Schale warf, hatte sich ganz offensichtlich irgendwie bewährt. Selbstverständlich befand sich da auch eine gehörige Portion Glück mit im Spiel, das ist bei solchen Ereignissen immer so. Dieses im Endstadium irre Gemetzel ohne Panne zu überstehen, kann man einfach nur dankbar hinnehmen. Mehrfach entging ich nur knapp einem schweren Sturz und das waren nur die Situationen, in denen ich dies bemerkte. Es hatte alles hingehauen und stolz betrachtete ich auf der Rückfahrt in die Unterkunft meinen Pokal, das Trinkhorn mit der großen „2“ darauf.

20.07.2025

Wir beschlossen, einen Entspannungstag in der Nähe zu verbringen. „Komm, wir fahren nach Stöng und laufen dann zu dem kleinen zauberhaften Tal nach Gjain rüber“, schlug ich vor. Daran hatten wir ganz alte Erinnerungen und um den Touristen etwas zu entgehen, brachen wir schon früh auf.
Gegen zehn Uhr verließen wir das Auto auf dem riesigen geschotterten Parkplatz. Bis auf einen Übernacht-Zechpreller befand sich dort noch niemand. Wir liefen ganz alleine die kleinen Pfade zu der Ausgrabungsstätte, Ulli machte Fotos und ich lockerte meine müden Beine. In Gjain wollte ich unbedingt noch an dem kleinen Becken am Wasserfall schwimmen gehen und da sonst niemand da war, zog ich mich kurzerhand aus und sprang einfach hinein. Ich schwamm bis zur Wasserfall-Gischt durch das eiskalte Wasser und verglich dies mit dem Bad in der Eis-Tonne, welches Sportler gerne machen, um die Erholung der Muskeln zu beschleunigen.
Voll wach gebadet entstieg ich dem Wasser und ließ mich in der Sonne trocken.
Nahende Stimmen kündigten nun doch weitere Besucher an und so zogen wir weiter.
Über die hohe Kante schlenderten wir zum Parkplatz zurück und beschlossen, an der nächsten Tankstelle essen zu gehen. „Du ich will nicht so einen modernen Neu-Island-Insta-Lunch“, meckerte ich hungrig. Ich will einen alten, fettigen, ekligen Spiegelei-Burger mit Pommes von der Tanke." Ich wollte einfach nichts leckeres, appetitliches oder am Ende sogar noch gesundes essen. Das ist für die Touristen und meiner Ansicht nach nicht isländisch. Ich lege einfach großen Wert auf eine authentische Erfahrung. Und hinterher träumte ich von einem patschigen Softeis mit buntem Zuckerzeug drauf, was so teuer sein konnte wie es nur wollte.
Tatsächlich landeten wir zufällig an einer Tankstelle, die Burger anbot. Ich war selig und bestellte sofort so ein Wahnsinns-Ding mit Allem drauf. Während ich die Autos beobachtete, die draußen vorbei fuhren, fiel mir der Ständer mit den Flyern auf und prompt zog ich die oberste Karte heraus. In Vorsabær, einem Reiterhof in der Nähe, wurden Touren angeboten. Ich hielt Ulli den Zettel hin und fragte: „Na, wäre das was für heute Nachmittag?" Sie war ganz außer sich, strahlte über das ganze Gesicht und meinte: „Mensch, da waren wir doch schon mal, das war 2012." „Da bist Du ausgeritten, während ich auf die kleine Fine aufgepasst habe“, entgegnete ich. „Aber dieses Mal reite ich auch“, teilte ich meiner Frau meine Pläne mit.
„Du hast doch bestimmt 10 Jahre lang auf keinem Pferd mehr gesessen“, konterte sie. „Dann wird es höchste Zeit“, schmunzelte ich. Ich hatte gestern so einen krassen Ritt, da komme ich schon zurecht. Ich rief die Nummer an und fragte eine spontane Reittour für zwei „experienced riders“ an. Tatsächlich hatten die etwas frei und zufrieden lächelnd beendete ich das Gespräch und sagte nur „vierzehn Uhr“.
Ulli klatschte begeistert in ihre Hände und strahlte.
Wir aßen voller Vorfreude und sprachen die ganze Zeit über meine vergangenen und bestandenen Reitabenteuer und was dieses wohl für eines werden würde.
Je näher wir der Farm kamen, desto bekannter kam mir die Gegend vor. An die Hofeinfahrt konnte ich mich sogar noch erinnern, wobei auch Ulli aufgeregt mit dem Finger die Richtung anzeigte. Die Besitzerin wartete vor dem Haus und bat uns sogleich hinein. Ulli erzählte natürlich sofort von ihrem Ausritt hier vor 13 Jahren und zeigte mit dem Smartphone das Beweisfoto auf unserer Homepage.
Mit bester Laune gingen wir rüber in den Stall, wo wir unsere „neuen“ Pferde treffen sollten.
„So your husband is joining the ride this time“, witzelte die Chefin und ich befürchtete schon, meine Vorschusslüge von wegen „experienced rider“ wäre irgendwie daneben gegangen. Ich erhielt einen kräftigen Wallach und Ulli, wohl als potentielle Pferdekäuferin, eine wunderschöne, junge Stute. Wir mussten beide „vorreiten“ und unser Können unter Beweis stellen. Ulli grinste zu mir herüber und nickte mir aufmunternd zu.
„One circle in the hall, then make them tölt and after that, you stop right infront of me“, wurden wir aufgefordert. Ich wollte hier überzeugen, damit der Ausritt auch stattfinden würde. Also stieg ich flott auf und hielt den Burschen gleich mit den Zügeln im Gebiss. Er war äußerst kooperativ, sensibel und hervorragend ausgebildet. Mit wenig Einsatz drehte ich ihn auf der Stelle und schritt mit ihm die Außenbande entlang. Schon in der nächsten Runde trabten wir an und ich hoffte, dabei nicht zu sehr auf dem Tier herum zu dotzen. Es klappte prima und kritisch beäugten mich die Mädels aus der Mitte des Raumes.
Als Mann ist es üblich, hier einige diskriminierende Geringschätzung zu erfahren. Etwa so wie die bei den Frauen mit dem Autofahren. Männer haben in diesen Kreisen grundsätzlich keine Ahnung vom Reiten.
 „Lean back a little and put your legs to his belly“, rief die Chefin und sofort hatte ich das Pferd in einem weichen und flotten Tölt. Ich ließ ihn noch weiter laufen und wechselte mehrmals vom Trab in den Tölt. Schließlich ging das ganz einfach und ohne viel Einsatz meinerseits. Der Gaul und ich hatten uns gefunden und aufeinander eingestimmt. Stolz kehrte ich in die Mitte der Reithalle zurück und hielt kontrolliert vor der Versammlung an. Auch unsere künftige Führerin, ein junges Pferdemädel aus Österreich, nickte anerkennend. Ich war überglücklich ob meiner Performance und schaute schmunzelnd zu Ulli herüber. Sie war jetzt an der Reihe und musste mir das Gezeigte natürlich erst einmal nachmachen.
Aber sie machte das selbstverständlich bestens und konnte ihr Pferd auf Anhieb perfekt bewegen. Sie war natürlich wieder einmal von dem Tier hellauf begeistert und offensichtlich hatte man ihr auch dieses Mal wieder ein besonders gutes Pferd gegeben.
„She is for sale“, wurde ihr eingehend mitgeteilt.
„Islandpferde gehören nach Island“ pflegte Ulli jedoch regelmäßig zu sagen und ich wusste um diesen Umstand. Daher überraschte es mich nicht, dass dieses Angebot von ihrer Seite aktiv ignoriert wurde. Während die Tore geöffnet wurden, stieg auch unsere Begleiterin auf ihr Pferd und ritt voran aus der Halle hinaus.  
 
 
 

Wir schritten zu dritt ein kleines Stück die Straße entlang und bogen dann auf das riesige Farmgelände ab, welches durch schnurgerade Entwässerungsgräben von den jeweiligen Nachbarn getrennt war. Ich genoss es tierisch, nicht auf meinen muskelverkaterten Beinen laufen zu müssen. Auf dem viele Quadratkilometer großen Gelände sollte sich irgendwo die hauseigene Herde befinden, die aus etwa 70 Tieren bestand. Unsere erste Mission war es, diese Herde in der endlosen, windigen Weite aufzuspüren. Das hochgewachsene Gras überraschte mich, als wir schon recht lange die Grundstücksgrenze entlang tölteten. So reiche Wiesen hatte ich in Island noch nicht gesehen. Mein Pferd begann trotz des leichten Regens zu schwitzen und wacker hielt das Tier die Position in der kleinen Herde. Herrlich, sich so durch die Gegend zu bewegen, das Land mit seinen Authentizität in sich aufzusaugen, hier im Mist-Wetter, wo wir mit Sicherheit die einzigen Menschen im Umkreis von 10km waren. Diese Insta-freie Situation genoss ich in vollen Zügen und wünschte mich in eine Zeit zurück, die einfach komplett „undigital“ sein möge.
Und da sahen wir sie am Horizont. Die ranghohen Stuten hatten uns schon erspäht und hielten etwas abwartend inne. Schließlich galoppierten sie auf uns zu, worauf die ganze farbenfrohe Herde mit wehenden Mähnen hinterdrein folgte. Ein sehr rührender und faszinierender Anblick bot sich uns. Die Fohlen nahmen sie in die Mitte und die trächtigen und jüngeren Tiere bildeten den Schluss. Diese Ordnung besteht ohne Beschreibung und Erklärung, sie existiert einfach weil sie Sinn macht und das Überleben sichert.
Die wogende Masse raste mit maximaler Geschwindigkeit an uns vorbei, als ob sie unsere Pferde schlicht mitreißen und integrieren wollte. Tatsächlich hatte ich einige Mühe meinen Wallach im Zaum zu halten. Natürlich wäre er am liebsten wie die anderen beiden hinterher gerannt. Die Herde entfernte sich wieder bis zum Horizont und umkreiste uns mit einigem Abstand, so als ob sie doch nicht aufgeben wollten, sich die drei übrigen Pferde letztlich einzuverleiben. Aber wir hielten alle stand und folgten unserem Pfad. Erst als wir uns 2 Stunden später wieder der „Torschleuse“ näherten, versperrten uns alle Tiere den Weg. Sie wollten uns wohl doch nicht so einfach gehen lassen. Da zog unsere Führerin ihre Gerte und trieb die ranghohen Tiere vom Tor weg. Ich tat es ihr gleich und so gewannen wir einigen Abstand zu den ständig wieder anlaufenden Pferden. Da ging es nicht zimperlich zu, aber man durfte es einfach nicht riskieren, dass am Ende Tiere ausrissen. Schließlich befanden sich unsere drei gesattelten Pferde nahe genug am Gatter, um es nur für diese zu öffnen. Ruck-Zuck waren wir durch, wobei ich als letzter zurück blieb und 70 euphorische Geschöpfe daran hinderte, uns nachzufolgen. Unsere Begleiterin hielt das Tor und forderte mich auf schnell hinter den Zaun zu schlüpfen. Geschafft, wir waren draußen und die Herde noch drin. Als ob sie ihren gescheiterten Fluchtversuch nun bewusst hinnahmen und keine Chance auf einen neuen haben würden, machten sie umgehend kehrt und flogen allesamt hinter den Horizont.
Die Dynamik erinnerte mich irgendwie an mein Fahrradrennen. Noch vollkommen geflasht von diesem intensiven Erlebnis ritten wir im Schritt auf der kleinen Straße nach Vorsabær zurück. Dankbar verabschiedeten wir uns, nahmen noch einige Pferde-Flyer mit und stiegen wieder ins Auto. In Selfoss hielten wir an einem der vielen neuen Restaurants an, um auch diesen Tag noch ausgiebig zu feiern und bei Tisch über das Erlebte zu schwelgen.
Ulli bestellte umgehend Filetsteak vom Fohlen, wofür sie wahrscheinlich auf ewig von ihren Pferdemädels daheim geächtet worden wäre. Mich amüsieren diese „Sensibilitäten“ und ich unterstelle dabei immer ausreichenden Wohlstand, der eben eine solche Auswahl zulässt. Wer mal richtig Hunger leiden musste oder über einen längeren Zeitraum keine Möglichkeit hatte, Entscheidungen bezüglich seiner Ernährung zu treffen, dem kommen solche Verweigerungen und Einschränkungen absurd und albern vor. Vegetarier genießen allesamt die Möglichkeit, in Sachen Ernährung eine Entscheidung treffen zu können.
Aber an jenem Tag, den ich in Gesellschaft dieser großen, gesunden, freien, herrlichen Pferdeherde verbringen durfte, vermochte ich einfach kein Tier, kein Fleisch und schon gar kein Fohlen zu essen und bestellte Spagetti al Olio.

 
Nachwort:

Sicher wollte ich diesen Erfolg haben, sprich, einmal bei etwas Unmittelbarem auf dem Treppchen stehen. Sicher wollte ich mal bei einem Wettbewerb, wo es ausschließlich auf einen selbst ankommt, mal alles einsetzen. Ich wollte mal da stehen, wo einen Geld nicht hinbringt. Bei "The Rift" muss sich eben jeder alleine nach vorne strampeln und der Einsatz, der Fleiß, die Quälerei und der Sport sind beinahe für alle gleich. Schweißlos kommt hier keiner nach vorne.
Aber diese extreme Radfahrerei, wie sie von mir über Jahre betrieben wurde, birgt auch eine Menge körperliche und mentale Risiken. Machen wir uns nichts vor, bei der "Trampelei" handelt es sich um eine sonst vollkommen sinnlose Fähigkeit. Solange man auf der positiven Euphoriewelle voran fährt und sich stetig verbessert, Siege einfährt, immer schneller und dünner wird, solange fällt es leicht, diese absurde Quälerei des Trainings zu ertragen. Wie aber auch die Abstürze unzähliger Profis einschlägig beweisen, kann dies nicht ewig so weiter gehen. Das Treppchen hat schließlich ein oberes Ende und danach geht es nicht weiter. Der Gipfel ist der höchste Punkt und es ist am Ende doch tragisch, dass er erreicht wurde. Dies nimmt ihm seinen Stellenwert, dies nimmt ihm alle Macht, dies zerstört den großen Traum, der auch ein wenig platzte, indem er wahr wurde.
Und je mehr Fett man sich vom Gerippe brennt, desto mehr wirkt man entstellt und krank, näher dem Entschwinden, wie der Suppenkasper im Struwelpeter. Der Körper verändert sich auf sein Belastungsprofil reagierend nicht immer anschaulich, nicht gänzlich positiv.  Immer wenn ich mir die Siegerehrungen der Tour de France anschaute, bemerkte meine 14-jährige Tochter: "Papa, die Gewinner haben ja dünnere Arme als die Blumenmädchen daneben." "Warum müssen Männer das immer so extrem machen bis sie nicht mehr gut aussehen?" fragte sie.
Auf einem Radfahr-Event traf ich mal einen Ex-Profi, der nebenbei erwähnte, 72 Jahre alt zu sein. Der schlanke und braungebrannte Mann sah deutlich jünger aus und er beeindruckte mich ob seiner Energie, die noch sehr präsent war. "Ich bin 30 Jahre lang im Jahr 30.000km gefahren und habe somit mein ganzes Leben in der Tretkurbel versenkt", hörte ich ihn sagen. Das wäre die andere Seite des Radsports, meinte er. "Ich hatte deswegen keine Familie und keine Karriere und auch sonst keine anderen Interessen, ich war praktisch nur auf dem Rad." Er wirkte dabei keineswegs unzufrieden, aber diese Worte ließen mich aufhorchen. Tatsächlich stelle ich mir häufig die Frage, welchem Dämon ich da wohl hinterher jage. Wo diese "Brücke über die Zeit" denn hinführen soll. Bei allem Bewegungsdrang hat die Angelegenheit einen wahnsinnig hohen "Hamsterrad-Faktor". Ich würde sogar von einer körperlichen Abhängigkeit sprechen, die sich mit der Zeit einstellt. Ja, mitunter war viel Einsatz am Start und man möchte am Ende eines harten Trainigstages tatsächlich annehmen, man hätte etwas Großartiges geleistet. Abonnement-Sport-Sozial-Media feiert einen für die ganzen Nummern und mit den Jahreskilometern wird hausiert. In Wahrheit hat man sich jedoch nur verausgabt, mit Endorphinen vollgepumpt und für das Bett müde gestrampelt. Radfahren hat somit etwas Destruktives und vielmehr etwas Erschöpfendes, als etwa etwas Schöpfendes.
Vielleicht sollte ich mich in Zukunft wieder kreativen Projekten widmen, so was wie dem Umbau eines Unimogs zum Expeditionsmobil oder so. Da gibt es wieder dicke Arme und Schwielen an den Händen und nicht nur in der Arschkerbe.

 

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