Island 2025
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Nach wie vor interessiere ich mich für die Insel im Nordatlantik und auf
eine romantische Art und Weise bleibt sie mit meinen Reiseträumen und
Leidenschaften verbunden. Mich zieht es nun mal nach Norden, dorthin, wo
der Trubel nachlässt, dort wo die Sonne flach scheint, wo die Ressourcen
begrenzt sind und die Auseinandersetzung mit der Witterung einen
beträchtlichen Anteil an allem Leben ausmacht. Der mit jedem Breitengrad
zunehmende Einfluss der Jahreszeiten prägt einen planerischen und
reflektierten sowie abwägenden Charakter der Bevölkerung, den ich
durchaus als sehr sympathisch empfinde. Zudem bewahrte man sich dort
eine gewisse Bescheidenheit, ja eine Form der Demut und der
Zurückhaltung, die in unserer Welt selten geworden ist.
Selbstverständlich führe ich dies auf die rauen und fordernden
Lebensumstände zurück, die die Menschen des Nordens seit Jahrhunderten
prägen. Einst widmete ich einen Großteil meiner Schaffenskraft und Kreativität einem Fahrzeug, welches mir genau diese Dinge, diese Ecke der Welt und dieses Abenteuer erschließen sollte. Dabei ging es mir nicht darum, einen Unimog zur Verfügung zu haben, nein, ich wollte selbst ein Gefährt bauen und damit meine persönlichen Möglichkeiten, meine individuellen Fähigkeiten, meinen Fleiß und meine Hingabe gegen diese Dinge aufwiegen. Damit würde für mich die Exotik und die spannende Wildheit dieses Landes erst greifbar, erlebbar und fühlbar. Niemals wollte ich einfach mit einem gekauften, fremd gebauten Fahrzeug da oben aufkreuzen, für welches ich auf eine beliebige Art und Weise das Geld akquiriert hätte. Um es unmissverständlich auf den Punkt zu bringen: Der Besitz eines Unimogs ist etwas, was ich immer noch demütig und dankbar hinnehme. Die Umstände, die dazu führten, dass ich in diesem Leben das Privileg genieße, 5 Tonnen schwer über die Oberfläche unseres Planeten zu rollen, habe ich zum großen Teil nicht selbst zu verantworten. Daher steht der Besitz auch gar nicht im Mittelpunkt. Schließlich habe ich nichts getan oder vollbracht, was mich zu dem Gedanken: Ich habe mir das Auto verdient und es steht mir zu drängen könnte. Und zu einem tollen Typen macht mich die Kiste schon gar nicht... Mit diesen Worten umbeschreibe ich ein Mindset, welches in der Auto-Szene und damit auch in der Reisemobil-Szene eher wenig verbreitet ist. Tatsächlich ist mir der schwergewichtige Auftritt mit „Heavy Metall“ auf Island auch nicht mehr so angenehm, wie er einst war. Selbst wenn ich mich peinlich an alle Vorschriften halte, laufe ich mittlerweile Gefahr, dort mit meinem Monstertruck in die Schlagzeilen zu kommen. Die Presse und die Öffentlichkeit sind auf eine absurde und vollkommen realitätsfremde Art vorgespannt und warten nur darauf, dass unsereinem ein kleiner Fehler unterläuft. Den Touristen mit den großen Wohnlastwagen eilt da oben nun ein erhebliches Dilettanten-Image voraus, welches zum Großteil unverschuldet ist. Aber bei solchen Themen erinnert man sich nun mal lieber an Idioten. Island ist da nicht mehr feiner und reflektierter als der verkommene Rest der Welt. Hier läuft der gleiche schräge Film der medienmanipulierten Empörer und Verschwörer. Dabei sehe ich mich als Erdenbürger, der grundsätzlich alle lokalen Gepflogenheiten streng achtet, auch wenn sie eine persönliche Einschränkung bedeuten. Selbstverständlich halte ich mich an sämtliche Gesetze und auf keinen Fall möchte ich vor Ort irgend jemanden verärgern oder auch nur nerven. Mutwillige oder fahrlässige Zerstörungen aller Art verurteile ich und ich bin der allerletzte, der sich vorsätzlich an der Natur vergeht. Ich begegne jedem Menschen stets mit Anstand und Respekt, selbst wenn dies nicht immer erwidert wird. Aber diese Form der Demut ist auf dem Fahrersitz eines Unimogs mehr und mehr unglaubwürdig geworden und die von Vorurteilen getragene entweder "hatende" oder "likende" Öffentlichkeit traut einem diese Einstellung oft gar nicht mehr zu. Natürlich ist das deren Unrecht und nicht meines, aber wer interessiert sich heute noch für die graue Wahrheit und wer erkennt sie in der sensationshungrigen Umgebung überhaupt noch? Die drastische Expansion der Tourismusindustrie wirkt hier wie ein Brandbeschleuniger und bei so viel Rauch und Husten fällt das ruhige Atmen zunehmend schwer. Die Brandursache ist unpopulär. Ist es die mangelnde Qualität oder die gigantische Quantität der Touristen? Ist es gar die Gier oder der legitime Anspruch auf wirtschaftlichen Erfolg der Einheimischen? Einigkeit besteht nur über das Vorliegen einer gewissen Schräglage. Das Ausdeuten der Schuldigen, ganz gleich wie real es auch ausfallen mag, bietet die Möglichkeit, die hausgemachten Probleme outzusourcen. Welche Senke für so viel negative Energie wäre da wohl besser geeignet, als die rücksichtslosen, inkompetenten Ausländer in ihren riesigen absurden Fahrzeugen? Einem harmlosen Radfahrer dagegen, der nicht tonnenschwer, sondern grammleicht daherkommt, eilt ein anderes Image voraus. Er ist ein schwacher und verwundbarer Verkehrsteilnehmer, der nur eine sehr kleine und schmale Spur ins Gelände zu ziehen vermag. Grundsätzlich spricht man ihm weniger Schadenspotential zu und tatsächlich ist er zu einer Fremdgefährdung im verkehrstechnischen Sinne praktisch nicht fähig. Er macht keinen Krach, er macht keinen Qualm, es staubt nicht hinter ihm und er lässt stets genug Platz, wenn man sich auf der Piste begegnet. Er steht in der Schlange an der Tankstelle niemals vorne und er wird auch keinen Stein aufschleudern, der einem die Windschutzscheibe zerdeppert. Ein Fahrrad wird nachts niemanden blenden, es hupt nicht sinnlos und auf dem Parkplatz vor dem Hamburger-Café muss man keine Angst davor haben, dass es vielleicht doch größere Räder hat, als man selbst. Ein Fahrrad steht in der Nahrungskette ganz unten, genau dort wo ein gut motorisierter und großbereifter Isländer einen ausländischen Touristen gerne sehen möchte. Zudem kann sich der Radler auch nicht daheim spottbillig die Karre voller Lebensmittel laden, um dann auf ach so smarte Weise die teuren Supermärkte der Insel zu meiden. Ich hielt die gewaltigen 4x4-Offroader, denen die Alkohol- und Nahrungspreise auf der Insel zu holperig waren, schon immer für einfältig. Es hat keinen Stil und es ist auch nicht cool, sich die teure, edle Karre mit billigen, heimischen Discountprodukten vollzuladen, nur weil man für die lokale Supermarktkasse zu geizig ist. Wer sich die Fähre und 4x4 leisten kann, beides sind vollkommen überflüssige Konsumprodukte, der kann und sollte auch auf Island einkaufen gehen, Punkt. Ein Radfahrer hingegen schläft ab und zu im Hotel, nützt häufig das Gastronomieangebot und lässt somit pro Tonne weitaus mehr Geld im Lande. Kurz gesagt, einem armseligen Strampler begegnet die isländische Öffentlichkeit weit wohlwollender als einem vermeintlich reichen ausländischen Expeditionsmobil-Bonzen. Dazu schlage ich den ganzen, einfältigen, intoleranten Cancelkultur-Umweltfaschisten ein Schnippchen. Nach deren Auffassung sind Fahrräder grundsätzlich umweltfreundlich. Daher würden solche Leute niemals auf die Idee kommen, dass Radfahren auf der Insel ebenfalls eine doch nicht unerhebliche Umweltbelastung bedingt. Der durchschnittliche Radtourist reist über viele Kontinente mit dem Flugzeug an, rollt die Ringstraße ab und fliegt dann inklusive Fahrrad wieder heim. Gemeinhin würde man ihm aber trotzdem einen nachhaltigen und umweltverträglichen Urlaub bescheinigen. Damit möchte ich beschreiben, wie absurd ich es empfinde, eine komplett überflüssige Leisure-Aktivität, wie einen Islandtrip, hinsichtlich seiner Kohlendioxidemission zu bewerten. Wer hier ausrechnet, wie effizient die Reise ausfällt, der steht sich das Recht auf das Erlebnis unbedingt zu. Frei nach dem Motto: "Ich fahre sowieso und deswegen so umweltschonend wie möglich". Darin sehe ich noch keine gute Tat, nur eine weniger schlechte und daher halte ich das für anmaßend. Ganz besonders, weil die Tourismusindustrie genau mit diesem reinen Gewissen wirbt. Wenn es um unseren Planeten ginge und es mit dem Kohlendioxid wirklich ernst ist, dann sollten wir als Menschen das Freizeit-Reisen einfach gänzlich aufgeben und uns nicht mit "Klimaneutralem Tourismus" selbst belügen. Allein die Tatsache, dass man die Ressourcen für eine Reise zur Verfügung hat bzw. übrig hat, ist Teil des Problems. Grundsätzlich ist eine Fahrradreise nach Island trotzdem etwas klimaschonender als eine Anreise mit Unimog und Fähre. Ob das nun tatsächlich stimmt oder nicht, ist auch egal, aber es wirkt allgemein glaubhafter. Leider ist es nur das, was heute zählt. Dabei erzeugt Radfahren Kohlenstoffdioxid, es spart nicht etwa welches ein. Jede KI antwortet auf diese Frage zunächst falsch, weil auch hier die Kollektivtäuschung mehr wert ist, als die einsame, unpopuläre Wahrheit beziehungsweise die Realität. Eine Aktivität grundsätzlich in Relation zu einer anderen Aktivität, wie zum Beispiel dem Autofahren anzunehmen, ist ein Konsum-Wachstumsförderndes Mindset, welches den Verzicht, der immer möglich ist, nicht betrachtet. Es tut mir wirklich leid, aber mein egoistischer Erlebnishunger und meine sportlichen Ambitionen motivierten mich derart, dass ich mich einfach nicht beherrschen konnte und einen weiteren Islandurlaub machen musste. Ich wollte mich selber „canceln“...hat nicht geklappt. |
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Bei "The
Rift" handelt es sich um ein 200 Kilometer langes Fahrrad-Rennen auf den
schönsten Pisten im isländischen Hochland. Ich gebe zu, neben der
obigen, schelmisch-sarkastischen Einleitung geht es hier um meinen
sportlichen Ehrgeiz. Schließlich habe ich inzwischen die körperlich
besten Tage meiner schwindenden Existenz hinter mir und brenne nur so
darauf, mich mit der Welt zu messen. Meine Sport-App bescheinigt mir
regelmäßig allerbeste Werte und da möchte ich diese schon mal sichtbar
anwenden. Außerdem handelt es sich bei dieser Form des Ausdauersportes
auch um ein recht zeitintensives Unterfangen, ja eine Passion. Die
Trainingsumfänge sind beträchtlich und es muss ja auch für irgend etwas
gut sein, sich Tag und Nacht im Sattel auf eine zweifellos irrationale
Art zu schinden, nur um in der Lage zu sein, etwas schneller von "A" nach
"A" zu strampeln. Begonnen hatte diese Sucht einst mit der Erkenntnis,
dass die Gesundheit im Leben doch den höchsten Wert hat. In meinem Alter
hat man im nahen Umfeld schon diverse Todesfälle erlebt und den einen
oder anderen Nachlass selbst verwaltet. Mich erschreckte dabei immer die
bittere Bilanz, denn das Resultat ist ja unverrückbar. So zeigte es
sich, dass viele Leute ihr ganzes Leben der Kohle hinterher strebten,
ihre Einkommen maximierten und Vermögen aufbauten. Jeder kennt den
Spruch mit dem letzten Hemd, aber mich erstaunte, wie real die Sache in
Wirklichkeit ausfällt und wie ignorant und hilflos der Einzelne dem
letztendlich doch gegenübersteht. Praktisch an jedem Grab, in das ich
bislang hinunterblickte, hätte man das Loch mit den übrigen Talern
auffüllen können und es hätte sogar meistens noch für einen ordentlichen
Haufen obendrauf gereicht. Aber das ganze Leben lang war es nie genug,
und es hätte immer etwas mehr sein dürfen. Wir glauben alle, das wäre so
gut und wichtig und man müsse eben so wirtschaften. Ich behaupte stumpf,
der Großteil dieser Menschen hat vom Großteil seines Geldes
schlichtweg gar nichts. Dabei verwenden viele die das Wort
„Bescheidenheit“ nur als Ausrede, weil sie gar nicht wissen, was sie sich
alles noch kaufen sollen. |
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17.07.2025 |
| Mit zwei Pappbecher-Kaffees in den Händen
befanden wir uns bei aufgehender Sonne auf dem Weg zum Frankfurter
Flughafen. Da einiges auf dem Spiel stand, Ulli gerne einen Zeitpuffer
hat und wir den Verkehr im Rhein-Main-Gebiet kannten, waren wir sehr
früh unterwegs. Mir war das ganz recht, denn ich hatte Zweifel, ob das
mit dem "rollenden Sperrgepäck" alles so reibungslos funktionieren
würde. Der Bus kam und ich wuchtete zügig meine riesige Bike-Box über die Einstiegs-Kante und platzierte sie auf dem Kinderwagen-Stellplatz neben der Tür. So früh am Morgen würde ich da niemandem im Wege stehen. Das Fahrzeug fuhr an und ich fand Zeit, mich umzuschauen. Hier befanden sich hauptsächlich fein herausgeputzte Flugbegleiter, die gelangweilt auf ihr Smartphone starrten. Viele kannten sich und es herrschte eine eher gediegene, professionelle Atmosphäre. Dies empfand ich als angenehm, denn während ich drauf und dran war, etwas ganz Aufregendes und Neues zu erleben, frönte die Mehrheit dem Alltag. Die Rollen meiner Fahrradkiste klapperten wenig später auf dem Feinsteinboden der gewaltigen Eingangshalle im Terminal 2. Der zunächst unbesetzte Sperrgepäck-Schalter und der Ausfall der automatischen Gepäckaufgabe bestätigten einmal mehr unsere konservative Zeitplanung. Kann nicht einfach mal alles glatt gehen, gerade wenn so viel auf dem Spiel steht? Endlich vollständig und erfolgreich eingecheckt, saßen wir schließlich am Gate. Meinen Gepäck-Bon mit dem Strichcode klebte ich sorgfältig hinten auf das Gehäuse meines Smartphones. „Ohne mich ist mein Fahrrad nutzlos, ohne mein Fahrrad bin auch ich nutzlos“, plapperte ich, um mich dann neugierig nach weiteren, etwaigen Rennteilnehmern umzuschauen. Außerdem hätte es sein können, dass ich meinen Sitzplatz einer bedürftigen Person hätte überlassen müssen. Es war aber niemand entsprechendes auszumachen. In unserer Umgebung befanden sich durchweg Deutsche, die nach Island flogen. Wanderschuhe oder Outdoor-Klamotten sah man nur ganz vereinzelt und auf einen weiteren Radfahrer deutete absolut gar nichts hin. Ulli ertappte mich und meinte: „Checkst Du schon die Konkurrenz, oder was?“ Mir war diese Offensichtlichkeit peinlich, also steckte ich mir die Hörer meines Smartphones in die Ohren und schaute Nachrichten. |
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| Der Vulkan bei
Grindavik war wieder einmal ausgebrochen. Schweigend hielt ich meiner
Frau das Display hin. "Au weia, hoffentlich wird das nicht so schlimm",
antwortete sie mit großen Augen. Wenig später landeten wir auf der
Insel. Das tosende Flughafengebäude in Kevlavik platzte aus allen Nähten. Ein irrsinniges Gewusel und Gedränge verhinderte jedes Vorankommen, besonders mit einem großen, sperrigen Fahrradbox-Rollkoffer. Diesen hatte ich, offensichtlich priorisiert, binnen Minuten wieder erhalten. Eine richtige Gelegenheit, mich darüber zu freuen, erhielt ich allerdings nicht. Menschengerüche wahrnehmend und seitlich laufend schoben wir uns durch die Menge. Nach unzähligen Staus und Ausweichmanövern a la Rockkonzert landeten wir schließlich vor den Schaltern der ebenfalls zahlreichen Mietwagenfirmen. Ernüchtert zog ich eine dreistellige Nummer aus dem Automaten für die Warteschlange. Das System hatten wir nicht verstanden, aber offensichtlich hatte jeder Verleiher spezifische Tickets, die jeweils nur für eine einzige Reihe galten. Aus Unwissenheit zog ich versehentlich die Nummer aus einer anderen Schlange, was sich hinterher als hilfreich herausstellte. Wir hatten natürlich das "falsche" Ticket für die richtige, andere Schlange, um endlich vorne stehend wieder nach hinten geschickt zu werden. Aber es ging einem Dutzend anderen Touristen genau so, daher lies ich mir das nicht als „selber schuld“ verkaufen. Was für ein Käse, was für eine Schikane, was für eine Überlastung und wir machten es sogar noch schlimmer. Wir waren Teil des Problems, wir waren das Problem. Nach einer guten Stunde befanden wir uns endlich vor der ersehnten Glasscheibe. Der genervte Mann am Schalter schimpfte uns sogleich an: "You are supposed to pick up the car in 2 hours." Er zeigte dabei vorwurfsvoll auf den Termin auf seinem dämlichen, nun uns zu gedrehten Bildschirm. Er rollte mit den Augen, zog aber dann doch die vorbereiteten Papiere mit Autoschlüssel aus seiner Tageskiste. Im Fahrwasser dieses schlechten Gewissens ließen wir uns noch eine sinnlose, teure Zusatzversicherung andrehen. Vielleicht war dies auch jene Masche, mit der er letztendlich seine zusätzliche Provision einstrich. Es sei ihm gegönnt, er ist schließlich auch ein Opfer. Mit einem „Loswerde-Blick“ schickte uns der Mann nach links zum Wegtreten. "Next One please." Es dauerte volle 15 Minuten, um die Länge des gigantischen Mietwagenparkplatzes abzulaufen. Das Verfahren zum Auffinden des gesuchten Wagens kannte ich von meiner Arbeit in der Autoindustrie. Wenn unsere OEM-Kunden auf dem Parkplatz einen Testwagen suchen, dann laufen die auch immer mit hoch gehaltener Hand und gedrücktem Schlüssel über das Gelände, bis das gesuchte Fahrzeug identifizierend „blinkt“. Mit dem einsetzenden Regen bemerkten wir auch des erlösende Signal unseres bestellten Kombis. Hektisch verluden wir die Koffer und schlugen nass triefend die Türen zu. Während es ohrenbetäubend prasselte, verband Ulli ihr Handy mit dem Auto und ich bestätigte unterdessen unserem Geländewagenfahrer per SMS die Ankunft in Island. Außerdem achtete ich darauf, auf dem Fahrersitz zu landen, denn das würde mir bei der Diskussion "Fahren wir noch schnell zum Vulkan?", eine bessere Position verschaffen. Davon wurde im Netz offiziell abgeraten, denn für die Gegend bestand eine akute Feinstaub- und Schwefeldioxidwarnung. Das Verkehrsministerium verbot zudem, am Straßenrand anzuhalten, um das Geschehen zu beobachten. Diese Informationen behielt ich jedoch für mich. Ganz vorsichtig umfuhren wir die vielen Menschen, die neugierig suchend umher blickten und ebenfalls ihre Auto-Schlüssel hochhielten. Den Flughafen hinter uns lassend erreichten wir die Schnellstraße. Die Wolke des Ausbruchs zeichnete einen unverkennbaren, dunklen Strich an den Himmel. Manchmal konnte man sogar schon die orangefarbenen Fontänen am Horizont ausmachen. Ich setzte den Blinker rechts. "Du willst doch da jetzt nicht hinfahren. Von so was fährt man weg", warnte Ulli. Die Chance, mal einen richtigen Vulkanausbruch zu sehen, schien sie nicht im Geringsten zu locken. Mit großen Augen schaute sie ängstlich zu mir herüber. "Laut Safetravel befindet sich der Ausbruch in sicherer Entfernung von der Straße", konterte ich. „Lass uns wenigstens mal zu dem Parkplatz fahren." Leider erwiesen sich die Lichtverhältnisse dort als unvorteilhaft. Zumeist verdeckte der Qualm die sprudelnde Lava. Gute Fotos würde es heute aus dieser Perspektive nicht geben. Wir beschlossen daher, weiter zu fahren, in Reykjavik noch die Startnummern abzuholen und anschließend die Unterkunft aufzusuchen. Diese befand sich etwas nördlich von Selfoss oberhalb des Ulfljotsvatn auf einem kleinen Hof. Wir wählten absichtlich diese Abgeschiedenheit, diese Distanz vom Halligalli des kommenden Sportereignisses. Bei knapp 1000 Teilnehmern würde da einiges los sein und bei aller Aufregung muss man ja auch irgendwie, irgendwo, irgendwann wieder runterkommen. Außerdem könnte ich mich dann an den Vortagen des Rennes abseits von den großen Straßen, womöglich sogar auf Pisten warm fahren bzw. einfahren. Der Hotelbetrieb auf dem kleinen Anwesen verlief typisch isländisch und wurde hauptsächlich von jugendlichen, europäischen Ferienkräften bewerkstelligt. Einen Hotpot zur Entspannung der geplagten Muskeln gab es auch und wir fanden es lustig, dass uns die Hauskatze miauend Tag und Nacht durch das geöffnete Fenster besuchen kam. Wir genossen den Aufenthalt dort und auch für mich, der sich in Topform befand, boten sich die erhofften Trainingsmöglichkeiten. Es ist in so einer Situation nicht unwichtig, weiterhin täglich einige Kilometer mit dem Fahrrad abzuspulen, um bestmöglich auf das große Event vorbereitet zu sein. Da ich mich nicht so gut auskannte, folgte ich schlicht den Vorschlägen auf Strava und plante für den nächsten Morgen mein Training, mein Warmup. |
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18.07.2025 |
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Auf Zehenspitzen entstieg ich um 6 Uhr meinem viel zu weichen Bett,
schlüpfte in die zurecht gelegtenFahrrad-Klamotten und trug mein frisch
montiertes Mountainbike vorsichtig über den Hotel-Flur. Dies würde jedes
Geräusch vermeiden, denn Ulli und die übrigen Gäste schliefen noch.
Selbstverständlich waren alle Türen, wieder typisch isländisch,
unverschlossen und so musste ich keinen Schlüssel mitnehmen. Die Hunde
begrüßten mich schwanzwedelnd und rannten noch ein Stück mit, als ich zu
meiner ersten Fahrradtour auf Island aufbrach. Völlige Stille empfing mich und ich hoffte, die Watts würden mir die morgendliche Kühle möglichst schnell aus meiner Jacke treiben. Ich folgte zunächst der leeren Straße nach Süden und ließ meiner Strampel-Euphorie freien Lauf. Der Erlebnishunger und die Neugierde vereinnahmten mich und so hatte ich einen wichtigen Teil dieser Unternehmung, das Rennen, zunächst vergessen. Es ging doch auch darum, den Bock einzufahren und nach dem mehr oder weniger kompletten Wiederaufbau aus der Box zu erproben. Aber die Kette flog gut über die Kassette, die Reifen zischten auf dem Asphalt und der Fahrtwind begann in den Ohren zu kesseln. Cool, Fahrrad fahren funktioniert auch auf der Insel. Wer hätte das gedacht? Nach einigen Kilometern fiel mir ein leicht krumm geklemmter Lenker auf. Dies würde ich nachher beheben. Dennoch nahm ich den Kopf runter und hielt die Geschwindigkeit hoch. Rechts am Alftavatn vorbei brauste ich Richtung Selfoss und bog an der großen Kreuzung rechts ab. Der Sudurlandsvegur war inzwischen zweispurig, die erste Autobahn Islands, und auch wenn es der geringe Verkehr erlaubte hätte, war ich froh, nun auf der alten, nicht mehr benötigten Straße direkt daneben unterwegs zu sein. Ich passierte einen Rennradler, der sich wohl ebenfalls auf das morgige Rennen vorbereitete. Auch er hatte seine „The Rift“ Startnummer bereits am Lenker angebracht. Wir grüßten uns beiläufig. Vor Hveragerdi bog die Strecke wieder nach Norden ab und ich folgte einer recht rauen Line-Road. Diese erinnert mich ausgiebig an meine fehlende Demut, denn die steilen und steinigen Passagen waren für mich nicht mehr fahrbar und ich musste zeitweise schieben. Etwas genervt und geläutert schnaufte ich oben auf einem kleinen Pass aus und ließ den Blick schweifen. Im Prinzip ist das genau das, was mich auf dem Rennen morgen erwarten würde. Da gab es auch einige steile Stellen, die nur abgesessen bewältigt werden können. Die Krakatindur hoch birgt eine steile Rampe, die nicht ohne sein wird. Ich durchfuhr noch einige Furten und versuchte daraus eine Strategie abzuleiten. Frei nach dem Motto: „Absteigen oder Durchfahren“. „Aber wer weiß schon, wie das morgen aussieht“, verdrängte diesen Gedanken schnell wieder. Die fein geschotterten Lava-Pisten zwischen den Höfen eigneten sich hervorragend zum schnellen Graveln und meine Geschwindigkeits-Euphorie kam wieder durch. Auf der letzten Abwärts Passage fuhr ich sogar auf einen Jeep auf, der eher gemütlich daher rollte. Beim Überholen stellte sich dieser als Polizeistreife heraus und ich befürchtete schon ein Geschwindigkeitsvergehen meinerseits. Die Beamten interessierten sich aber nicht für mich und ließen mich passieren. Hätte ich das mit dem Unimog gemacht, wäre es vermutlich anders ausgegangen. Auf die Minute genau rollte ich über den kleinen grünen Hügel zurück zu unserer Unterkunft. Die Hunde begrüßten mich und folgten mir zu dem gelben Gartenschlauch, der hier zur Fahrzeugwäsche bereit hing. Belustigt bemerkte ich, dass er an das Warmwasser angeschlossen war. Dies interpretiere ich nun wieder als typisch isländische, geothermale Fahrradputzerfahrung. Anschließend schob ich das Rad tickend über den Teppich im Flur zurück auf das Zimmer. Kurz darauf trat ich frisch geduscht und mit Ulli an der Hand in das Wohnzimmer des Hauses, welches als Frühstücksraum herhielt. Miauend folge uns die Hauskatze und wir wurden lachend empfangen. Neben der Aufnahme von möglichst vielen Kohlehydraten und ausreichend Schlaf gab es meinerseits für diesen Tag noch keine Pläne. „Komm, wir laufen mal zum Fimmvörduhals hoch“, schlug ich spontan vor. „Da können wir immer umkehren und hinterher am Wasserfall Mittagessen“, fügte ich hinzu. Außerdem kommen wir in Hovsföllur vorbei und können so schon mal unsere Anfahrt für früh morgen erkunden. Ich lauerte förmlich auf weitere Radfahrer, die sich sicher in der Umgebung des morgigen Rennereignisses einfahren würden. Ich war neugierig, wann und damit in welcher Entfernung man diese wohl antreffen würde. Tatsächlich kamen uns sehr bald schon ganze Gruppen entgegen, die eindeutig als Rennteilnehmer zu identifizieren waren. „Guck mal, die Konkurrenz ist auch schon wach“, meinte Ulli und wies mit einem seitlichen Kopfnicken in Richtung einer Gruppe, die aus mindestens 50 Teilnehmern bestand. Ich konnte kein einziges Mountainbike ausmachen, da fuhr gefühlt jeder so ein knallbuntes Last-Generation-High-End-Carbon-Gravel-Wahnsinns-Teil mit Drop-Bar, Aero-Felgen rotierenden fetten weißen Schriftzügen. Die Veranstalter empfahlen ja auch solche Räder, gleichwohl ich annahm, dass sich auch die Teilnehmer auf solchen Böcken die höchsten Chancen ausrechneten. Ich werde da mit meinem selbst konstruierten Metall-MTB eine Exotenrolle einnehmen. Und schnell unterwegs waren sie, das musste ich mit einem Kloß im Hals feststellen. Zum Glück verlief diese erste Begegnung quasi inkognito und dankbar darüber drehte ich den Kopf wieder nach vorne. „Die sahen aber flott aus“, meinte Ulli und half mir damit nicht wirklich über diesen ersten Eindruck hinweg. Der riesige Parkplatz am Skogarfoss füllte sich bereits und wir standen mit vielen weiteren Autos in der Warteschlange. Zum Wasserfall wollten wir gar nicht und etwas skeptisch blickte ich auf die vielen Besucher, die sich über die weithin sichtbare Treppe zur oberen Aussichtsplattform drängten. „So wie die sich da hoch bewegen, läuft da nach einem Kilometer niemand mehr weiter“, zischte ich zu Ulli hinüber, die gerade ihre Kameraausrüstung im Rucksack verstaute. So war es dann auch, nur wenige folgten dem Pfad, der hinter dem Wasserfall in die Wildnis führt. Nach 5 Kilometern kamen die ersten Wanderer aus der anderen Richtung, also von oben. Wir grüßten freundlich und sahen ihnen an, dass auch wir die ersten waren, die sie seit der Überschreitung des Passes angetroffen hatten. Mit dem einsetzenden Regen kehrten auch wir um und ergatterten etwas später noch einen letzten freien Tisch im Restaurant neben dem Parkplatz. Ich bestellte demonstrativ ein Bier, nachdem ich die zwei Motorradfahrer am Nachbartisch fragte: „Kann man das trinken?“ „Kann man schon“, lächelten sie und wir prosteten uns zu. „Ob das schmeckt, das ist eine andere Frage“, kamen wir grinsend überein. Ulli schaute überrascht:„Sag mal musst Du morgen nicht Fahrrad-Rennen fahren?“ „Ach, wenn ich morgen herum loosen sollte, dann habe ich wenigstens etwas, worauf ich das schieben kann“, entgegnete ich. Das Viking-Zeug ist zwar nicht wirklich gut, aber eine Katastrophe ist es auch nicht. Auf der Fahrt zurück ins Hotel genoss ich die Entspannung, die von diesem ganz kleinen Hauch Alkohol ausging. So brauchte ich während des Rückweges zum Hotel keinen Gedanken an die unaufhörlich laufenden Scheibenwischer zu verschwenden. |
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19.07.2025 |
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Den
Smartphone-Wecker schaltete ich genau 1 Minute vor seinem Einsetzen
aus. Ich kann inzwischen kontrolliert aufwachen und offensichtlich hatte
es auch in dieser neuen Umgebung geklappt. Das Line-up für den 200k Men`s
Start war für 0730 angesetzt, das war in genau 2 Stunden. Wenig später
stand auch Ulli auf und verschwand im Badezimmer. Ich begann, Wasser und
Mineraltabletten zu trinken und die ersten Kohlehydrate aufzunehmen.
Beides hatte ich mir am Vorabend bereitgestellt. Das Fahrrad und die
gesamte Ausrüstung befanden sich bereits gepackt im Auto vor der Tür. In
meiner peinlichen Bip betrat ich den Hausflur. So früh würde ich zum Glück
niemanden in diesem albernen Spandex-Outfit antreffen. Es schien mir
absurd, denn wir hatten ja höchst aufwendig die Fotoaufnahmen geplant, die
mich so angezogen verewigen würden. |
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Im Lauf klinkte ich mich wieder ein und machte so ein paar Plätze gut.
Die erste echte Steigung sortierte das Feld
aber wieder neu. Anstiege verraten Fähigkeiten und peinlich
genau achtete ich auf eine Gruppe Briten, die sich vor mir den Buckel
bergauf kämpfte. Die sprachen zwar nicht, keiner der Rennfahrer tat dies,
aber ich konnte mich an deren Trikots erinnern. OK, hier beschloss ich
zunächst dran zu bleiben, denn sie waren jung, stark, organisiert und
fuhren diszipliniert. |
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| Darauf durchlief ich mein erstes psychisches
Tief, was vielleicht auch daran lag, dass ich nach 70 km mal tüchtig
abgezogen wurde. Ich drehte mich um und schon in einiger Entfernung
folgten mir die nächsten Wölfe. Sie würden mich armes Reh demnächst
einholen und fressen. In Landmannahellir war es dann soweit, ich wurde von
drei Fahrern überholt und musste wenig später sogar erneut abreißen
lassen. Völlig fertig und im Zweifel, angesichts der fortschreitenden
Erschöpfung das Ziel überhaupt noch zu erreichen, rollte ich in die
nächste Versorgungsstation. Ich exte drei Pullen hellblaues Gatorade mit
zusätzlichem Pulver, welches mir die nette Dame aufmunternd in die Flasche
kippte. Dazu drückte ich mir drei Gels rein und schluckte 5
Dextrose-Tabletten. „Einfach weiter fahren“, redete ich mir ein, du hast zu viel investiert um jetzt aufzugeben und leiden kannst du schließlich besser als die anderen Atzen. Das ist die einzige Fähigkeit, die mit dem Alter nicht abnimmt. Es folgten knackige und teils unfahrbare Steigungen, die einige Teilnehmer gar nicht auf dem Fahrrad angingen. Sie stiegen frühzeitig aus dem Sattel und schoben ihre Carbon-Esel zu Fuß den Buckel rauf. Wer das gut einschätzte, der konnte hier Sekunden gutmachen. Ich beobachtete Profis, die sogar früh absprangen und ganz vorsätzlich die steilen Steigungen hinauf rannten. Es brauchte gewiss andere Muskeln und so kopierte ich diese Taktik. Dennoch war es sinnvoll und von einem gewissen Zeitvorteil gekrönt, wenn man die eine oder andere Steigung fahren konnte. Es kam ganz darauf an, dies vor der Rampe genau einzuschätzen. Mit meinem 40er Kettenblatt hatte ich da gegenüber den meisten Gravel-Bikes aber keinen MTB-Vorteil. Da bemerkte ich einen Teilnehmer, der etwa auf meinem Niveau strampelte. Wir bewegten uns eine ganze Weile lang nicht aus den Augen und konnten sowohl bei Steigungen als auch bei Abfahrten mit dem jeweils anderen mithalten. Ich vermutete, dass er etwa in meinem Alter war und daher sprach ich ihn spontan an. Mir ging das ohnehin auf den Senkel, dass hier kaum jemand mit dem anderen redete. Da hat man doch wenigsten das Rennen gemeinsam und ich möchte jenen sehen, der dies als Bagatelle abtut. Hat man da etwa nichts zu bereden? Das konnte ich nicht akzeptieren. „It is an old mens bike race, insn`t it?“ begann ich das Gespräch. Er lachte, „It sure is.“ Wir waren uns auf der Stelle sympathisch. Die Situation empfand ich als sehr erheiternd. Hier radelten wir, stets am Rande des körperlich Möglichen, auf der spektakulärsten Gravel-Strecke dieses Planeten, im Aufruhr der Elemente nebeneinander her und kamen darüber überein, hier hin zu gehören. Über unsere Bewegungen und taktische Züge tauschten wir uns aus, wir stellten uns einander vor und wir verstanden uns. |
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Runar hatte
schon mehrfach an diesem Rennen teilgenommen und ich konnte spüren, dass
er genau wusste, worauf er sich eingelassen hatte. |
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Interessante
Vorgänge waren hier am Werk. Da kämpft man sich durch die Einsamkeit,
freut sich an ihr, aber die größte Motivation entsteht wieder durch die menschlichen Kontakte oder
die schiere Aussicht darauf. Ich beschloss, fortan im Kopf von Rendezvous
zu Rendezvous mit meinem Foto-Team zu eilen. |
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„We
are in front of the field“, meldete ein Rennteilnehmer, den ich auf der
langen Geraden stumpf überholte und der mein Hinterrad nicht im Ansatz
halten konnte. Dies ließ mich um so härter in die Pedale treten. „Von
jetzt an kommt keiner mehr von hinten, jetzt kriege ich die ganzen Dünnies am Arsch“, rief
ich und fetzte im Slalom um die faustgroßen Steinbrocken auf der Piste.
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Ich verkniff
es mir, mich nach meinem „Konkurrenten“ umzusehen. Sollte es ihm gelungen
sein aufzuschließen, dann bekommt er mein Angstgesicht nicht noch ein
zweites Mal zur
Bestätigung. Es sah aber ganz so aus, als ob ich es tatsächlich gerade
noch „heim gefahren“ hatte, denn mein Verfolger überholte mich erst ein
ganzes Stück hinter der Ziellinie. |
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Unter lautem, rhythmischen Gejohle und Geklatsche schüttete ich den Inhalt des komplett gefüllten Horns in mich hinein und hielt anschließend beweisend das leere Gefäß verkehrt herum über mich. Die Menge applaudierte. Der Kollege links über mir war noch beim Trinken, als einer aus dem Publikum laut „Mountainbike“ rief. Ich konnte den Mann nicht ausmachen und grinste daher den Kopf nach links und rechts drehend in die Menge. Vermutlich hatte er mich beim Rennen als einen der ganz wenigen Mountainbiker erkannt und fuhr auch eines. Ich freute mich über diesen Gruß unter hunderten von Gravelbikern. Es hat ja auch was, als Mountainbiker auf dem Treppchen eines Gravel-Rennens zu stehen. Und schon wurden die nächsten ausgerufen, wankend verließ ich das Podium und trat auf Ulli zu, die mich nochmal umarmte. „Mensch, du warst ja Zweiter“, rief sie, als sie mich wieder losließ. „Das ist doch echt toll, was für ein Abschluss für unseren Trip." „In meiner Altersklasse“, antwortete ich entschärfend, aber tatsächlich trieb mich dieses Ergebnis so weit in die positive Überraschung, dass ich mir einen heftigeren Alkohol-Rausch wünschte. Platz 21 in der Gesamtwertung bei 420 Teilnehmern ist ja auch eine Ansage. Ich hatte mein Flatbar, meine Federgabel, meine dicken Reifen und meinen schweren Metallrahmen und nicht zuletzt meinen 50 Jahre alten Schrumpelbuckel auf einem internationalen Offroad-Fahrradrennen aufs Podium gefahren. Mit meinem selbst entworfenen und selbst konzipierten Fahrrad hatte ich zig Millionen Dollar an Gravel-Carbon-Hightech-Equipment besiegt. Meine Strategie und alles was ich hier in die Schale warf, hatte sich ganz offensichtlich irgendwie bewährt. Selbstverständlich befand sich da auch eine gehörige Portion Glück mit im Spiel, das ist bei solchen Ereignissen immer so. Dieses im Endstadium irre Gemetzel ohne Panne zu überstehen, kann man einfach nur dankbar hinnehmen. Mehrfach entging ich nur knapp einem schweren Sturz und das waren nur die Situationen, in denen ich dies bemerkte. Es hatte alles hingehauen und stolz betrachtete ich auf der Rückfahrt in die Unterkunft meinen Pokal, das Trinkhorn mit der großen „2“ darauf. |
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20.07.2025 |
| Wir beschlossen, einen Entspannungstag in der Nähe zu verbringen. „Komm, wir
fahren nach Stöng und laufen dann zu dem kleinen zauberhaften Tal nach
Gjain rüber“, schlug ich vor. Daran hatten wir ganz alte Erinnerungen und
um den Touristen etwas zu entgehen, brachen wir schon früh auf. Gegen zehn Uhr verließen wir das Auto auf dem riesigen geschotterten Parkplatz. Bis auf einen Übernacht-Zechpreller befand sich dort noch niemand. Wir liefen ganz alleine die kleinen Pfade zu der Ausgrabungsstätte, Ulli machte Fotos und ich lockerte meine müden Beine. In Gjain wollte ich unbedingt noch an dem kleinen Becken am Wasserfall schwimmen gehen und da sonst niemand da war, zog ich mich kurzerhand aus und sprang einfach hinein. Ich schwamm bis zur Wasserfall-Gischt durch das eiskalte Wasser und verglich dies mit dem Bad in der Eis-Tonne, welches Sportler gerne machen, um die Erholung der Muskeln zu beschleunigen. Voll wach gebadet entstieg ich dem Wasser und ließ mich in der Sonne trocken. Nahende Stimmen kündigten nun doch weitere Besucher an und so zogen wir weiter. Über die hohe Kante schlenderten wir zum Parkplatz zurück und beschlossen, an der nächsten Tankstelle essen zu gehen. „Du ich will nicht so einen modernen Neu-Island-Insta-Lunch“, meckerte ich hungrig. Ich will einen alten, fettigen, ekligen Spiegelei-Burger mit Pommes von der Tanke." Ich wollte einfach nichts leckeres, appetitliches oder am Ende sogar noch gesundes essen. Das ist für die Touristen und meiner Ansicht nach nicht isländisch. Ich lege einfach großen Wert auf eine authentische Erfahrung. Und hinterher träumte ich von einem patschigen Softeis mit buntem Zuckerzeug drauf, was so teuer sein konnte wie es nur wollte. Tatsächlich landeten wir zufällig an einer Tankstelle, die Burger anbot. Ich war selig und bestellte sofort so ein Wahnsinns-Ding mit Allem drauf. Während ich die Autos beobachtete, die draußen vorbei fuhren, fiel mir der Ständer mit den Flyern auf und prompt zog ich die oberste Karte heraus. In Vorsabær, einem Reiterhof in der Nähe, wurden Touren angeboten. Ich hielt Ulli den Zettel hin und fragte: „Na, wäre das was für heute Nachmittag?" Sie war ganz außer sich, strahlte über das ganze Gesicht und meinte: „Mensch, da waren wir doch schon mal, das war 2012." „Da bist Du ausgeritten, während ich auf die kleine Fine aufgepasst habe“, entgegnete ich. „Aber dieses Mal reite ich auch“, teilte ich meiner Frau meine Pläne mit. „Du hast doch bestimmt 10 Jahre lang auf keinem Pferd mehr gesessen“, konterte sie. „Dann wird es höchste Zeit“, schmunzelte ich. Ich hatte gestern so einen krassen Ritt, da komme ich schon zurecht. Ich rief die Nummer an und fragte eine spontane Reittour für zwei „experienced riders“ an. Tatsächlich hatten die etwas frei und zufrieden lächelnd beendete ich das Gespräch und sagte nur „vierzehn Uhr“. Ulli klatschte begeistert in ihre Hände und strahlte. Wir aßen voller Vorfreude und sprachen die ganze Zeit über meine vergangenen und bestandenen Reitabenteuer und was dieses wohl für eines werden würde. Je näher wir der Farm kamen, desto bekannter kam mir die Gegend vor. An die Hofeinfahrt konnte ich mich sogar noch erinnern, wobei auch Ulli aufgeregt mit dem Finger die Richtung anzeigte. Die Besitzerin wartete vor dem Haus und bat uns sogleich hinein. Ulli erzählte natürlich sofort von ihrem Ausritt hier vor 13 Jahren und zeigte mit dem Smartphone das Beweisfoto auf unserer Homepage. Mit bester Laune gingen wir rüber in den Stall, wo wir unsere „neuen“ Pferde treffen sollten. „So your husband is joining the ride this time“, witzelte die Chefin und ich befürchtete schon, meine Vorschusslüge von wegen „experienced rider“ wäre irgendwie daneben gegangen. Ich erhielt einen kräftigen Wallach und Ulli, wohl als potentielle Pferdekäuferin, eine wunderschöne, junge Stute. Wir mussten beide „vorreiten“ und unser Können unter Beweis stellen. Ulli grinste zu mir herüber und nickte mir aufmunternd zu. „One circle in the hall, then make them tölt and after that, you stop right infront of me“, wurden wir aufgefordert. Ich wollte hier überzeugen, damit der Ausritt auch stattfinden würde. Also stieg ich flott auf und hielt den Burschen gleich mit den Zügeln im Gebiss. Er war äußerst kooperativ, sensibel und hervorragend ausgebildet. Mit wenig Einsatz drehte ich ihn auf der Stelle und schritt mit ihm die Außenbande entlang. Schon in der nächsten Runde trabten wir an und ich hoffte, dabei nicht zu sehr auf dem Tier herum zu dotzen. Es klappte prima und kritisch beäugten mich die Mädels aus der Mitte des Raumes. Als Mann ist es üblich, hier einige diskriminierende Geringschätzung zu erfahren. Etwa so wie die bei den Frauen mit dem Autofahren. Männer haben in diesen Kreisen grundsätzlich keine Ahnung vom Reiten. „Lean back a little and put your legs to his belly“, rief die Chefin und sofort hatte ich das Pferd in einem weichen und flotten Tölt. Ich ließ ihn noch weiter laufen und wechselte mehrmals vom Trab in den Tölt. Schließlich ging das ganz einfach und ohne viel Einsatz meinerseits. Der Gaul und ich hatten uns gefunden und aufeinander eingestimmt. Stolz kehrte ich in die Mitte der Reithalle zurück und hielt kontrolliert vor der Versammlung an. Auch unsere künftige Führerin, ein junges Pferdemädel aus Österreich, nickte anerkennend. Ich war überglücklich ob meiner Performance und schaute schmunzelnd zu Ulli herüber. Sie war jetzt an der Reihe und musste mir das Gezeigte natürlich erst einmal nachmachen. Aber sie machte das selbstverständlich bestens und konnte ihr Pferd auf Anhieb perfekt bewegen. Sie war natürlich wieder einmal von dem Tier hellauf begeistert und offensichtlich hatte man ihr auch dieses Mal wieder ein besonders gutes Pferd gegeben. „She is for sale“, wurde ihr eingehend mitgeteilt. „Islandpferde gehören nach Island“ pflegte Ulli jedoch regelmäßig zu sagen und ich wusste um diesen Umstand. Daher überraschte es mich nicht, dass dieses Angebot von ihrer Seite aktiv ignoriert wurde. Während die Tore geöffnet wurden, stieg auch unsere Begleiterin auf ihr Pferd und ritt voran aus der Halle hinaus. |
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Wir
schritten zu dritt ein kleines Stück die Straße entlang und bogen dann auf
das riesige Farmgelände ab, welches durch schnurgerade Entwässerungsgräben
von den jeweiligen Nachbarn getrennt war. Ich genoss es tierisch, nicht
auf meinen muskelverkaterten Beinen laufen zu müssen. Auf dem viele
Quadratkilometer großen Gelände sollte sich irgendwo die hauseigene Herde
befinden, die aus etwa 70 Tieren bestand. Unsere erste Mission war es,
diese Herde in der endlosen, windigen Weite aufzuspüren. Das
hochgewachsene Gras überraschte mich, als wir schon recht lange die
Grundstücksgrenze entlang tölteten. So reiche Wiesen hatte ich in Island
noch nicht gesehen. Mein Pferd begann trotz des leichten Regens zu
schwitzen und wacker hielt das Tier die Position in der kleinen Herde.
Herrlich, sich so durch die Gegend zu bewegen, das Land mit seinen
Authentizität in sich aufzusaugen, hier im Mist-Wetter, wo wir mit
Sicherheit die einzigen Menschen im Umkreis von 10km waren. Diese
Insta-freie Situation genoss ich in vollen Zügen und wünschte mich in eine
Zeit zurück, die einfach komplett „undigital“ sein möge. |
| Nachwort: Sicher wollte ich diesen Erfolg haben, sprich, einmal bei etwas Unmittelbarem auf dem Treppchen stehen. Sicher wollte ich mal bei einem Wettbewerb, wo es ausschließlich auf einen selbst ankommt, mal alles einsetzen. Ich wollte mal da stehen, wo einen Geld nicht hinbringt. Bei "The Rift" muss sich eben jeder alleine nach vorne strampeln und der Einsatz, der Fleiß, die Quälerei und der Sport sind beinahe für alle gleich. Schweißlos kommt hier keiner nach vorne. Aber diese extreme Radfahrerei, wie sie von mir über Jahre betrieben wurde, birgt auch eine Menge körperliche und mentale Risiken. Machen wir uns nichts vor, bei der "Trampelei" handelt es sich um eine sonst vollkommen sinnlose Fähigkeit. Solange man auf der positiven Euphoriewelle voran fährt und sich stetig verbessert, Siege einfährt, immer schneller und dünner wird, solange fällt es leicht, diese absurde Quälerei des Trainings zu ertragen. Wie aber auch die Abstürze unzähliger Profis einschlägig beweisen, kann dies nicht ewig so weiter gehen. Das Treppchen hat schließlich ein oberes Ende und danach geht es nicht weiter. Der Gipfel ist der höchste Punkt und es ist am Ende doch tragisch, dass er erreicht wurde. Dies nimmt ihm seinen Stellenwert, dies nimmt ihm alle Macht, dies zerstört den großen Traum, der auch ein wenig platzte, indem er wahr wurde. Und je mehr Fett man sich vom Gerippe brennt, desto mehr wirkt man entstellt und krank, näher dem Entschwinden, wie der Suppenkasper im Struwelpeter. Der Körper verändert sich auf sein Belastungsprofil reagierend nicht immer anschaulich, nicht gänzlich positiv. Immer wenn ich mir die Siegerehrungen der Tour de France anschaute, bemerkte meine 14-jährige Tochter: "Papa, die Gewinner haben ja dünnere Arme als die Blumenmädchen daneben." "Warum müssen Männer das immer so extrem machen bis sie nicht mehr gut aussehen?" fragte sie. Auf einem Radfahr-Event traf ich mal einen Ex-Profi, der nebenbei erwähnte, 72 Jahre alt zu sein. Der schlanke und braungebrannte Mann sah deutlich jünger aus und er beeindruckte mich ob seiner Energie, die noch sehr präsent war. "Ich bin 30 Jahre lang im Jahr 30.000km gefahren und habe somit mein ganzes Leben in der Tretkurbel versenkt", hörte ich ihn sagen. Das wäre die andere Seite des Radsports, meinte er. "Ich hatte deswegen keine Familie und keine Karriere und auch sonst keine anderen Interessen, ich war praktisch nur auf dem Rad." Er wirkte dabei keineswegs unzufrieden, aber diese Worte ließen mich aufhorchen. Tatsächlich stelle ich mir häufig die Frage, welchem Dämon ich da wohl hinterher jage. Wo diese "Brücke über die Zeit" denn hinführen soll. Bei allem Bewegungsdrang hat die Angelegenheit einen wahnsinnig hohen "Hamsterrad-Faktor". Ich würde sogar von einer körperlichen Abhängigkeit sprechen, die sich mit der Zeit einstellt. Ja, mitunter war viel Einsatz am Start und man möchte am Ende eines harten Trainigstages tatsächlich annehmen, man hätte etwas Großartiges geleistet. Abonnement-Sport-Sozial-Media feiert einen für die ganzen Nummern und mit den Jahreskilometern wird hausiert. In Wahrheit hat man sich jedoch nur verausgabt, mit Endorphinen vollgepumpt und für das Bett müde gestrampelt. Radfahren hat somit etwas Destruktives und vielmehr etwas Erschöpfendes, als etwa etwas Schöpfendes. Vielleicht sollte ich mich in Zukunft wieder kreativen Projekten widmen, so was wie dem Umbau eines Unimogs zum Expeditionsmobil oder so. Da gibt es wieder dicke Arme und Schwielen an den Händen und nicht nur in der Arschkerbe. |
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