Reisetagebuch Island 2011
von Thomas Lukasczyk
Eine Wanderung von Nýidalur zum Mývatn |
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Nach
unserer "Rohrkrepierer-Aktion" am Fimmvörduhals im letzten Jahr
hatten mein Freund Tobias und ich einen gewissen Nachholbedarf in Sachen
Outdoor-Unternehmung. In früheren Jahren waren wir mindestens einmal pro
Jahr unterwegs und eine gemeinsame Aktion war seit nunmehr sechs Jahren
überfällig - das Wochenende in Island 2010 selbstverständlich nicht
mitgezählt. Ich ergriff die Initiative und rief ihn spontan an. "Gibt
es Dich noch?" fragte ich vorwurfsvoll und erinnerte ihn daran, dass
unser letztes Gespräch über ein Jahr zurück lag. Kein besonders guter
Schnitt für einen besten Kumpel. "Wir müssen wieder mal was
machen...", begann ich. "Du, ich habe überhaupt keine Zeit und
kann nicht weg, weil meine Firma brummt wie die Sau", war die
niederschmetternde Antwort. Ich ließ natürlich nicht locker und machte
deutlich, dass "selbst" und "ständig" keinesfalls
wörtlich zu nehmen sind. Wir sprachen daher über mögliche Ziele und nachdem
ich alle meine Überredungskunst aus dem Hut gezogen hatte, willigte er ein.
"Also gut, aber maximal eine Woche und Du kümmerst Dich um
alles", sagte er noch vor dem Auflegen. Die Tour durch Vonaskarð und die nördliche Passage aus der Askja-Caldera standen sowieso noch auf unserer Liste. Das hatten wir 2003 nicht mehr geschafft und möglicherweise ließ sich das sogar verbinden. Ich surfte nach Icelandair-Flügen, fand prompt zwei 100-Euro-Flüge von Berlin-Tegel aus und buchte sofort. Eine Woche später klingelte wieder ein Mobiltelefon in Berlin: "Also hier kommt es, wir laufen von Nýidalur durch Vonaskarð am nördlichen Rand des Vatnajökull vorbei über die Askja zum Myvatn. Route mache ich und Fraß besorge ich auch und die Flüge sind gebucht und gehen am 15. August von Berlin aus", plapperte ich ungestüm drauf los. Eine kurze Pause endete mit folgender Antwort: "Ok, bis dann." Er wollte offensichtlich keine Details, keine Etappenlängen und interessierte sich ebenso wenig für die angesetzte Route. Genoss, beziehungsweise verdiente ich ein derartiges Vertrauen oder war es gar Gleichgültigkeit? Womöglich ging es tatsächlich darum, gemeinsam ein paar Tage in einer interessanten Umgebung zu verbringen? So oder so, es würde spannend werden. |
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Im ewigen
Stau der Berliner Baustellen arbeiteten wir uns Straße um Straße in
Richtung Tegel voran. Die Zeit wurde schon knapp und ich rollte ungeduldig
mit den Augen und erwartete mit Spannung jede grüne Ampel. Unsere prallen
Rucksäcke lagen hinter den Rücksitzen des überfüllten Renault Twingo, den
Tobias' Freundin durch Berlin lenkte. "Eine Stunde für 5 Kilometer ist
doch ein guter Schnitt", meinte er, während ich meinen rechten
Handrücken wiederholt in die linke Hand schlug. Wir schafften es und warfen
unsere Rucksäcke aufs Band der Gepäckaufgabe. Gespannt erwartete ich die
Anzeige des Gewichts: 19 kg vermeldete die Anlage. Na ja, nicht gerade
leicht. Tobias hatte wohl am Vorabend zurecht noch einige
Ausrüstungsgegenstände wegdiskutiert. Wenig später hielten wir unsere
Bordkarten in der Hand. "Sie müssen sich unbedingt am Transfer-Schalter in Kopenhagen melden, da Icelandair ein inkompatibles Buchungssystem besitzt", beschrieb die freundliche, blonde SAS-Mitarbeiterin unseren Anschlussflug. Wir nickten beiläufig und träumten schon von frischer Luft, einem freien Blick und von dem Gefühl "draußen" zu sein. Ein kleiner Bombardier-Jet flog uns in die dänische Hauptstadt. Am ganzen Glitzer-Duty-Free-Sinnlos-Mist vorbeihuschend standen wir schnell am Transfer-Schalter. Auf einem roten Schild stand: "Transfer-Counter closed, Icelandair-Flights please check in at the gate." Wir verzogen etwas uneinsichtig das Gesicht und die Dame am Nachbarschalter meinte: "They have their own very special system, just go to the gate." Also schlenderten zwei Typen in Fjällräven-Hose, Bergstiefeln und Softshells in Richtung Gate 4. "Your flight has been canceled", ließ uns die Kinnladen herunterfallen und wir blickten verstimmt die Icelandair-Mitarbeiterin an, die das Boarding organisierte. "I do not know what went wrong, but you will not be on this plane", sagte sie. Verdammt, da verbocken diese gestriegelten Freaks irgend etwas und unser kleiner Erlebnisurlaub klatscht hier an die Scheibe und läuft in den nächsten Gulli. Wir leben doch schließlich im 21. Jahrhundert und es gibt Apps, die An- und Abflugtafeln von Flughäfen einfach anzeigen und da scheitern die Airlines selber an einer banalen Weiterbuchung? Einfach unfassbar... "But our luggage is already checked through to Kevlavik and on this flight. I know that there is a law that implies we are either on this flight or you have to unload our Backpacks", versuchte ich die Argumentationskette aufzubauen. "You are right", sagte sie und begann auf dänisch mit den Kollegen zu telefonieren. Zum Glück ist dänisch ganz gut zu verstehen, wenn man mit nur einem Ohr zuhört. Offensichtlich waren wir weder die einzigen, noch die ersten mit diesem Schicksal. "Die Knaller sollen das bloß hinkriegen, schließlich geht morgen unser Bus ins Hochland", knurrte ich. "Wenn wir heute nicht nach Island kommen, können wir unsere Tour vergessen." Wir wurden für die Abendmaschine gebucht und hatten den restlichen Tag an dem wunderschönen Flughafen Kopenhagen gewonnen. Als Entschädigung für die fremd verursachten Umstände erhielten wir je einen Verzehrgutschein von 75 Kronen. "Diese kleinen Pisser haben sie wohl nicht alle", meinte Tobias. "Da verraucht uns ein ganzer Tag in dem beschissenen Kommerztempel und wir werden für die paar lächerlichen Kröten abgefrühstückt." Wir kauften uns einen widerlichen Hotdog, spendeten den Rest der Welthungerhilfe und bestiegen um 19 Uhr die Abendmaschine nach Kevlavik. Island empfing uns mit knapp 10 °C, kaltem Wind, Regen und Dunkelheit. Am BSI schnappten wir unsere Rucksäcke und marschierten einfach drauf los. Der Campingplatz liegt im Nordosten und irgendwie schlenderten wir so nach Gefühl und ohne Plan durch den dröhnenden Verkehr voran. In den Lichtkegeln der Autos schillerten die Pfützen. "Du, irgendwie laufen wir in die verkehrte Richtung", bemerkte ich nach einiger Zeit. "Da oben ist das Perlan und da drüben ist der Flughafen, das passt nicht", meinte ich. "Dann gehen wir einfach zur nächsten Bushaltestelle und fragen", entgegnete Tobias und zeigte auf ein Glashäuschen oben auf dem Hügel. Schwer beladen und beschuht und in wetterfester Montur stellten wir uns vor dem Regen unter. Zwei Mädchen, die barfuss in ihren Flip-Flops standen und nur ein dünnes und kurzes Kleidchen trugen, warteten ebenfalls auf den Bus. "Can you please tell us the way to the Campground", sprach mein Begleiter die beiden Halbwüchsigen an. Sie wiesen in die komplett andere Richtung, aus der wir gekommen waren und hielten uns offensichtlich für so unfähig, uns zu orientieren, dass sie im Bus ein Stück mitfuhren, um uns den Weg genauestens zu beschreiben. Wenig später warfen wir die Rucksäcke ins Gras des Campingplatzes. In der Dunkelheit bauten wir das Zelt zwischen hundert weiteren auf und schämten uns ob der Vorführung durch die Teenager. "Mensch, wir sind zwei schöne GoreTex-Wackelkasper. Da kommen wir mit Mords-Ausrüstung angestiefelt und lassen uns von zwei barfüssigen Bälgern den Weg zeigen", meckerte ich. "Zum Glück haben die uns nicht gefragt, was wir hier vorhaben. Die hätten uns Pausen-Pfadfindern am Ende noch davon abgeraten", meinte Tobias. Wir gingen uns noch waschen und sofort fielen mir die jungen Leute auf, die unter dem Vordach ganz vertieft in ihre iPhones, iPads und eBooks oder sonstige Elektronik-Gadgets starrten. Ich war ein wenig desillusioniert. Backpacking und Trekking erinnerten mich bisher immer positiv an meine Jugend. Fühlte ich mich im Kreise der gut 15 Jahre jüngeren Gesellen doch immer als Gleichgesinnter, so musste ich nun die offensichtlichen Unterschiede akzeptieren. Hier saß eine neue Generation und frönte ihren Interessen. "Mann, ich bin froh, wenn ich den Mist mal für 'ne Weile los bin", flüsterte ich meinem Kumpel zu. "Wir gehören eben schon zum Alten Eisen", sagte er kleinlaut. Kaum lagen wir in unseren Schlafsäcken, begann es zu regnen. Seufzend schliefen wir ein... |
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1. Etappe Nýidalur - Snapadalur [12,5 km] Link zur Kartenansicht
Früh standen wir auf und packten das
Zelt zusammen. Mit dem allmorgendlichen, kostenlosen Bus fuhren wir zum
BSI und kauften unser Ticket. Wir gönnten uns noch ein letztes anständiges
Frühstück und tranken je drei Tassen Kaffee. Von nun an gibt es Muckefuck
und dehydrierte Trekkingnahrung, redeten wir uns ein. In dem großen Bus
saßen nur noch drei weitere Gäste. "Vielleicht haben wir Glück und
müssen nicht im Pulk laufen", kommentierte Tobias die dünne Besetzung.
In Hrauneyjar stiegen noch einige Gäste hinzu und wir befürchteten schon
einen Massenexodus in Nýidalur, unserem Ziel. Ich setzte mich direkt hinter
den Busfahrer, um ihm beim Pistenfahren über die Schulter zu schauen.
"Wenn einer weiß, wie das gemacht wird, dann der", dachte ich
mir. "Ach du wirst sehen, der fährt einfach...", meinte Tobias
und behielt recht. Ich erinnerte mich an meine Flüche und an meinen
Vorsatz, diese Mistpiste nicht mehr zu befahren. Der Busfahrer fluchte
ebenso über das Waschbrett und die Einbauten rappelten und wackelten
beachtlich und ich rechnete jeden Moment mit Verlusten.
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2. Etappe Snapadalur-Gæsavötn [37,5 km]
Link zur Kartenansicht Es prasselte die ganze Nacht und als in den frühen Morgenstunden Ruhe einsetzte, wurde ich euphorisch. Schnell streifte ich mir die Klamotten über und spekulierte auf einen schönen Sonnenaufgang, da der Blick nach Osten frei war. Zu meiner Enttäuschung stieg die Bewölkung kaum an und bedeckte immer noch 8/8. Die gesamte Umgebung war weiß vom Raureif und unser Zelt hatte einen kleinen Eispanzer. Aber die blauen Löcher kamen tatsächlich, daher schnappte ich mir die schwere Spiegelreflexkamera und machte die ersten Aufnahmen von dem bildschönen Geothermalgebiet. Der warme Bach hatte Tunnel mit einer beachtlichen Spannweite in den Altschnee geschmolzen und die Morgensonne sorgte für die richtige Beleuchtung. Aus dem kochenden Pool kam Dampf, der vor dem mittlerweile blauen Himmel und dem weiten Blick ins Tal fabelhaft aussah.
Erst gegen 10 Uhr konnten wir uns von der Gegend lösen,
packten zusammen und stapften auf den heißen Fluss zu. In regelmäßigen
Abständen standen nun Holzpfähle und wiesen den Weg.
Am Parkplatz nahmen wir je einen
großen Schluck Tullamore Dew, den ich in einer kleinen Plastikflasche im
Duty Free kaufte. "Baah, widerliches Zeug", schimpfte Tobias und
verzog das Gesicht. "Blöder Banause, bist doch nur beleidigt, weil es
keinen schottischen Single Malt gab", konterte ich. Hinter dem Vallafell tauchten die Hniflar-Kugeln auf,
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3. Etappe Gæsavötn-Urðarhàls [30 km]
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Gegen 7 Uhr warf ich meinen Kollegen aus
dem Schlafsack. "Hast du Hummeln im Arsch oder was", meckerte er. "Ich hab
doch Urlaub." "Du hast höchsten verpennt, du faule Sau", ärgerte ich ihn.
Stöhnend ging er ins Freie, wir machten Haferflocken-Frühstück und bauten
das prima leichte, blaue Zelt ab. Ich war froh, schon gegen 8 Uhr wieder
unterwegs zu sein. Einer unserer Landsmänner aus der Nachbarschaft rannte zu uns herüber.
"Kommt ihr aus Skogar?" wollten er wissen. "Ne, kommen nur
aus Nidalur", antwortete ich. "Ach, ihr macht wohl schön
easy", meinte der junge Kerl und wünschte uns noch viel Glück. Wir fühlten
uns wie die Looser, die mit der halben Strecke hier auf Hochlandwanderer
machen und eigentlich beschissen haben. Tobias und ich brachen
auf, liefen die erste kleine Steigung und staunten über den herrlichen
Ausblick auf das zentrale Hochland der Insel. Der flache Kegel der Trölladyngja beherrschte das Landschaftsbild. "Guck mal da oben",
tippte ich Tobias an und zeigte auf einen kleinen weißen Streifen in der
Lava. "Das ist der Pickup von gestern", bemerkte er richtig.
"Hast wohl doch nicht getroffen..." Durch ein großes Lavafeld und
ein paar kleine Bäche schlängelte sich die Piste mit dem einmaligen
Panorama. Oft kam man dem Gletscher sehr nahe und spürte den kalten Hauch,
den der Südwest über das Éis wehte. Inzwischen fuhr hinter uns in der Ferne
der rote Pickup los und brauchte fast eine Stunde um aufzuschließen. Die
Isländer winkten und fuhren langsam vorbei. Sie brauchten eine weitere
Stunde, um außer Sichtweite zu kommen. Die Piste schlängelte sich hier
nämlich über einige Buckel und Lavafelder. An einer sandigen Furt füllten
wir die Wasservorräte auf, da es unter Umständen erst wieder in Dreki
welches geben würde. Zum Kochen filterten wir noch etwas durch meine
Nylon-Turnhose. Tobias schaute etwas skeptisch drein. "Komm stell dich
nicht an, das Ding ist frisch gewaschen und hat noch keine
Bremsspuren." "Ganz im Gegensatz zu deiner verschissenen
Buchse", fügte ich hinzu. "Na und, wegen dem dehydrierten
Nudelschrott kacke im eben nur noch weich und gelb", wehrte er sich.
"Komm, das schwarze Wahnsinnsding, das du am ersten Tag aus dem Kreuz
geschoben und hinter den Felsen gelegt hast, war ja wohl jenseits von Gut
und Böse. Abstreiten zwecklos, ich hab es bei meiner Foto-Session
entdeckt", |
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4. Etappe Urðarhàls-Dreki [42 km]
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Regengeprassel riss mich aus dem Schlaf.
Es war 6 Uhr und ich drehte mich noch einmal herum. Ich hatte keinen
Bock jetzt alles nass werden zu lasen. Aber wir mussten heute Abend in
Dreki sein und hatten eine ordentliche Etappe vor uns. Um 7 Uhr
schälte ich mich aus der Daunenröhre, was Tobias mit Kopfschütteln
kommentierte. "Komm, wir nutzen die Regenpause zum
Zusammenpacken", verfehlte seine Wirkung. Erst der Kaffeegeruch
erzielte den gewünschten Erfolg. "Oh Mist, Warmfront im
Anmarsch", beurteilte Tobias die Schäfchenwolken und streckte sich
"Bloß nicht dran herum reiben, einfach
Mund
zu und in Ruhe lassen", sagte er. Von der trockenen Luft bekam ich
Nasenbluten, was auch mein Gesicht verwegen aussehen ließ. Durch den
weichen
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5. Etappe Deki-Dyngjufjalladalur [25 km]
Link zur Kartenansicht Erstmals in diesem Urlaub schliefen wir aus und standen erst gegen 9 Uhr auf. Da alle Mitglieder der gestern eingetroffenen spanischen Reisgruppe pünktlich ihr Frühstücks-Ei gelegt hatten, stieg die Durchschnittstemperatur der nahen Sickergrube. Die Wärme bedingte, darauf einsetzende Konvektion durch die Entlüftungsrohre direkt hinter unserem Zelt, entschärfte so das nun schon Tage dauernde Bedürfnis nach einer anständigen Mahlzeit. "Guck dir die dekadenten Weicheier in den sauberen Klamotten an", begann mein Kumpel über die motorisierten Gäste zu lästern. "Die haben gestern nur einen einzigen Schritt gemacht, nämlich den aufs Gaspedal", kotzte er. "Wenn die in zwei Wochen die Familie zum Bildervortrag langweilen, erzählen die bestimmt, dass man Allradantrieb braucht, um hier zu stehen. Dabei braucht es noch nicht mal Räder", lachte er. "He, ich war hier letztes Jahr auch mit dem Unimog", bezog ich wieder einmal die Gegenposition. "Und in 20 Jahren schaffst du das auch nicht mehr ohne", warnte ich. Ich schnappte mir meine Kaffeetasse und lief zu dem roten Feuerwehr-Unimog, der ein Stück entfernt parkte. Mit dem deutschen Pärchen tratschte ich eine ganze Stunde und Tobias schaute schmollend zu uns herüber. Es war ein unheimlich nettes Gespräch und die beiden waren auch begeisterte Island-Unimog-Fahrer wie Ulli und ich. Sie wollen durch das Dyngjufjalladalur fahren und möglicherweise trifft man sich ja wieder.
Einen schönen Felsvorsprung nutzten wir für unsere Aufnahmen. Unten im Tal war die Dyngjufell-Hütte schon zu sehen. Wieder benutzte ich die Videokamera als Fernglas und entdeckte einen einzelnen Wanderer, der auf der Bank davor saß. Wenig später unterhielten wir uns mit dem Franzosen. Er hatte soeben mit der Durchwanderung von ganz Island begonnen und wollte in 12 Tagen in Skógar sein. Er war ein sympathischer Geselle und wir unterhielten uns nett bis es dunkel war. Die Hütte benutzten wir nicht, da laut Buchungsliste einige Betten reserviert waren. "Ich hab keinen Bock auf eine Gruppe Wanderer, die um 22 Uhr hier aufkreuzt und uns rausschmeißt", argumentierte Tobias und auch der Franzose pennte hinter der Hütte. Der Wind, der zunächst ordentlich am Zelt rüttelte, flaute glücklicherweise im Laufe der Nacht wieder ab. |
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6. Etappe Dyngjufjalladalur-Sellandafjall [34 km]
Link zur Kartenansicht Ich stand früh auf, um in dem nahen Bach zu baden. Das ist immer eine schöne Sache, sich ganz einseifen, um dann kurz in dem kalten Bach komplett abzutauchen. Ordentlich frisch gemacht, warf ich meinen Partner aus dem Zelt. So ist das eben, einer hat die Initiative und der andere rechnet damit. Auf dem Felsen löffelten wir unsere Haferflocken. Der Franzose kam auch in die Gänge und wir winkten ihm: "Bon jour, monsieur." Dann wandte er sich nach Süden den Berg hinauf und wir liefen nach Norden das Tal herunter. "Bon voyage", riefen wir hinterher. "Merci beaucoup", lachte der Kleine und hielt beide Wanderstöcke am ausgestreckten Arm in die Höhe.
Der
weitere Weg war recht eintönig. Interessant fand ich aber die stetige
Zunahme der Vegetation, die an der Hütte praktisch noch nicht vorhanden war.
Tobias und ich sprachen, wie meistens, über Flugzeuge, um uns die Zeit zu
vertreiben. Wir folgten einfach dem Jeep-Track und hatten manchmal richtig
Mitleid mit den Autofahrern, da es häufig über Lavafelder mit hohen Stufen
ging, wo man sich seinen Weg etwas suchen muss. Auf der Piste lagen
haufenweise Autoteile. Wir fanden Stoßdämpfer, Spritzlappen, einen
Spurstangenkopf, Reifenfetzen, Auspuffrohre, einen Auspufftopf und diverse
undefinierbare Blechteile. Tobias entdeckte eine 12-er Mutter und kurz
darauf die dazu passende Schraube. "Mensch, da bekommst du sogar
heraus, in welche Richtung der gefahren ist", frohlockte er.
"Jedenfalls scheint das die Fahrzeuge ganz schön zu abzunagen, so
viele Teile haben wir bisher nirgends gefunden", ergänzte ich. Um
Mittag tauchte im Regen vor uns die Hütte Botni auf, die von einem
belgischen Paar als Unterstand oder besser als Verhandlungssaal benutzt
wurde. Die beiden diskutierten, ob sie noch weiter zur Askja laufen sollten
oder nicht. Natürlich war er |
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7. Etappe Sellandafjall-Myvatn [38 km]
Link zur Kartenansicht Die Zivilisation lockte und erstmals hatte ich keine Probleme, meinen Kameraden aus dem Bett zu bekommen. Ruck, zuck waren wir wieder unterwegs und winkten den Mädels, die neugierig die Nase aus dem Zelt steckten. "Nein, wir labern nicht mit denen, sonst müssen wir wieder feststellen, dass ganz Europa hier runterwandert und wir nur die Kindertour machen", dachte ich mir. Die gut 200 km wollte ich einfach nicht als "Halbe Portion" deklassiert wissen. Schon gar nicht mit den vielen schönen Eindrücken und Erlebnissen, um die es uns eigentlich ging. Die letzte Etappe könnte zum Abschluss auch lang werden, und so hatten wir es eilig. Die ersten Kilometer gingen ohne Vorkommnis an uns vorbei. Wir liefen inzwischen durch eine grüne Wiese, die bis an die Sichtgrenze von einer sandigen, dunklen Fahrspur durchzogen wurde.
Ausgiebig widmeten wir uns wieder unserem Thema Flugzeuge, Aerodynamik, Kunstflugfiguren und wie wir gewisse Täler hier entlang heizen würden. In der Ferne hörten wir einen Geländewagen, der hinter uns langsam näher kam. Als echter und braver Deutscher schielte ich nach dem Nummernschild und ließ den Toyota aufschließen. Gleichzeitig traten wir auf die Seite und machten Platz. Das deutsche Paar hielt an und begann: "Hello, do you need anything?" "Grüß Gott", antwortete ich und blickte in zwei sich überrascht aufhellende Gesichter. "Fehlt es euch an irgend etwas?" fragt die Beifahrerin freundlich. "Klar, Schweinsbraten mit Knödel und Weizenbier", antwortete ich. Beide lachten herzlich und meinten: "Sorry, ist uns gerade ausgegangen." Ich bedankte mich trotzdem der Nachfrage und sie fuhren weiter bis an den Horizont. "Ist schon krass, wie weit man hier immer gucken kann", sagte Tobias dem Geländewagen hinterher, den wir nach einer halben Stunde immer noch sahen. Wir öffneten zwei Gatter und schlossen sie hinter uns wieder. Von einer kleinen Anhöhe aus konnten wir kurz darauf unser Ziel, den Myvatn, ausmachen.
Tobias lief mit beiden Stöcken und klagte über Schmerzen in den Knien. Ich musste dafür eine Stunde auf ihn warten. Er quälte sich regelrecht der Farm entgegen, die wir am Nachmittag erreichten. "Mann, jetzt noch die olle Ringstrasse bis hoch ins Kaff", meckerte er. "Wie weit ist denn das noch?" "So um die 10 km", antwortete ich grinsend. Er schluckte und wir trabten weiter. Ich machte mir einen Spaß daraus, die Gesichter der Autofahrer zu beurteilen. Es wechselte stets zwischen Unverständnis und Mitleid und ein Muster konnte ich nicht erkennen. Etwa auf halbem Weg erwischte uns ein ordentlicher Regenschauer. Eine offensichtlich etwas verwirre Frau kam laut singend auf einem Fahrrad aus dem grauen Vorhang gefahren und radelte an uns vorbei. Wir konnten sie noch 5 Minuten lang hören, obwohl sie längst im Regen verschwunden war. Eine eigenartige Situation und ein bemerkenswerter Empfang durch die Zivilisation. Wir fühlten uns abgelehnt und deplatziert. Die Strecke zog sich und wir liefen, die Zähne zusammen beißend, unserem Hamburger mit Pommes Frites entgegen. Tobias blieb wegen seiner Knie immer weiter zurück. So erreichte ich als erster den Campingplatz in Reykjahlid, bezahlte und baute das Zelt auf. Erst mit hereinbrechender Dunkelheit konnte ich vom Rasen aus meinen Reisegefährten auf der Strasse oben erkennen. Ich winkte ihn herunter zu unserem blauen Zuhause. Er war denkbar schlechter Laune und jammerte über seine Pein. "Warum haben wir denn in Vogar nicht schon was gegessen und warum lasse ich mich immer auf deine beschissenen Gewaltmärsche ein?" ging er auf mich los. "Ich hab' Urlaub, muss bald wieder arbeiten und bin schon 15 Jahre nicht mehr beim Bund", schimpfte er mit zusammen gezwickten Augen. "Mach dich locker, 38 km packt jeder Wochenendwanderer, Infanterie ist ab 50 km", entgegnete ich. "Ja, du Laberkopp, aber ohne 20 kg auf dem Buckel und mit was Anständigem im Magen", motzte er zurück. "Der Weg zu Jesus führt über Hingabe und Leid", erinnere ich ihn etwas sarkastisch. "Du kannst mich mal mit deinen dämlichen Sprüchen", kam es zurück. Aber ich kenne meinen Kumpel und wußte, dass mit dem ersehnten Hamburger die gute Laune wiederkehren würde und er ohnehin nicht zum Ausrasten neigt. Schnell gingen wir rüber zum Supermarkt und bestellten zwei Doppelcheeseburger mit Pommes. Tobias, der mich früher immer zu langsamem Essen gemahnt hatte, schlang das beachtliche Stück amerikanischer Esskultur in Null Komma nichts in sich hinein und grinste zufrieden. "Glaubst du, dass ich noch nie so einen geilen Burger gefressen habe?" sagte er noch. Ich hatte zu dem Zeitpunkt höchstens die Hälfte verdrückt und zwang mich zur Zurückhaltung. Die Kartoffelstreifen und das schwarze Malzbier gaben uns noch den Rest. Mit Handtüchern unter dem Arm gingen wir zum Waschhaus und duschten heiß. "Morgen ist Ruhetag, das sage ich dir", kam es vor dem Einschlafen noch aus dem Schlafsack. |
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Ruhetag am Mývatn [21 km] Wir schliefen aus und überquerten gegen 9 Uhr die Strasse zur Tankstelle. Vorher besorgten wir uns noch die Bus-Tickets für den nächsten Tag. Die Tour saß uns noch in den Knochen, daher verschlangen wir einen riesigen Kuchen und konnten von dem ehrlichen Bohnenkaffee gar nicht genug bekommen. "Komm, wir nehmen einen Bus hoch in das neue Schwimmbad", schlug ich vor. "Du faule Socke, da laufen wir ja wohl hin", meinte Tobias. "Und deine Knie und überhaupt von wegen Ruhetag und so?" fragte ich. "Pah, ist doch nicht weit", antwortete er. Wie schnell manche Vorsätze doch verfliegen können, dachte ich mir. Es war eine goldrichtige Entscheidung und ohne den Rucksack herrlich entspannend. So erreichten wir das "Myvatn-Nature-Bath" vergleichsweise früh und hatten es eine ganze Stunde für uns allein. "Das Teil ist viel besser als die olle Blaue Lagune", sagte Tobias und bewegte genüsslich die Knie in einem der wärmeren Becken. Das blaue Wasser war bestens und wir genossen die Entspannung der geschundenen Beine und Füße. Selbst ein Dampfbad hatte es, und bei einer Außentemperatur von 10 °C mit anständig Wind gibt es nichts Besseres. Zum Auskühlen setzten wir uns stets auf die Holzbank auf der Veranda und genossen den Blick auf den Mückensee.
Schließlich traf ein Bus voller Spanier ein, die in kleinen Gruppen das Bad stürmten. Tobias und ich beobachteten das Schauspiel vom Logenplatz aus, dem kleinen Pool neben der Eingangstreppe. Die Hispanos traten jeweils ins Freie, liefen auf Zehenspitzen die Betontreppe herunter und riefen: "Frio, frio, frio." Da sie es wegen der Kälte immer recht eilig hatten, ignorierten sie stets die Warnhinweise, rutschten am Beckenrand aus und fielen auf den Hintern. Dann ruderten sie mit den Armen und riefen: "Calliente, calliente, calliente", und schwammen in das Becken hinaus. Die jeweils folgende Gruppe war daher nicht gewarnt und es ereilte sie dasselbe Schicksal. Wir grinsten zunächst nur und da sich die Vorstellung kurz darauf wiederholte, lachten wir unterdrückt. Als aber der 20. Spanier auf diese Weise das Becken betrat, konnte ich mich ob der Lemming-Vorstellung nicht mehr beherrschen und bekam einen Lachkrampf im warmen Wasser. Mein Bauch schmerzte und ich rang nach Luft. Die Leute starrten mich besorgt an, aber mein Kumpel winkte entschärfend ab. Gegen Mittag hatten wir genug und wanderten die Wege an der Grjotagia entlang nach Vogar. Schließlich wollten wir die Imbissbude doch noch ausprobieren. Die Pizza war ausgezeichnet und wir gönnten uns ein richtiges Bier. "Ich brauch' noch einen Troll für meine Freundin", sagte mein Kollege nach dem Essen. "In Dimmuborgir gibt es jetzt einen neuen Souvenir-Shop", ließ ich ihn wissen. Wir marschierten am Hverfell vorbei, um dort einzukaufen. Unterwegs sprachen wir über die Fertigungsmethoden einer Dural-Kabine für Expeditionsmobile und deren Integration in einen verwindungsfähigen Fahrzeugrahmen. Ganz ins Gespräch vertieft erreichten wir schließlich den Shop und mein Kumpel bekam seinen Troll. Ich fand ein richtig niedliches isländisches Buch über Trolle mit allerliebsten Illustrationen. Mein Mitbringsel für Ulli war also auch gefunden. "Ich habe gar keinen Bock, diese dämliche Strasse zurück zu laufen", nölte ich herum. "Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an und außerdem sitzen wir morgen den ganzen Tag im Bus", meinte mein Kollege. Wir schlappten zurück und stellten fest, dass wir für einen Ruhetag ganz schön Strecke gemacht hatten und unsere Vorsätze nichts wert sind.
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Busreise zurück nach Reykjavik
Pünktlich standen wir am Busterminal, saßen auf und fuhren los. Es schüttete wie aus Eimern und wir schauten uns gegenseitig an und dachten dasselbe. "Gott sei Dank müssen wir da jetzt nicht raus." Der Bus hielt noch am Aldeyjarfoss und rappelte die Sprengi runter. Wieder genoss ich die Tatsache, dass hier fremdes Material gequält wurde. Soll das Waschbrett doch den ganzen Bus zerhämmern. Ich hatte bezahlt und die notwendigen Reparaturen waren schließlich im Fahrpreis umgelegt. Mit uns hockten noch 5 weitere Reisende im Bus. Die Mehrheit waren Deutsche. Ruck, zuck war Nýidalur erreicht, da wieder ausgiebig über Leichtbau diskutiert wurde. In der kurzen Pause dachten wir beide an unseren Aufbruch vor einer Woche. "Da sind wir raus gelaufen", meinte Tobias und zeigte das Tal entlang. "Das war bei dem gleichen Wetter wie heute", antwortete ich. "Hättest du gedacht, dass es noch so schön wird?" fragte ich. "Nee, damals nicht. Es war aber eine schöne Tour", gestand Tobias. Die übrige Piste verging bei unserem technischen Dummgelaber wie im Flug. In Hrauneyjar stiegen die Gäste wieder um und ich besorgte Sandwiches. Der ganze Bus ging pinkeln. Neben dem Klo stand eine durchsichtige Sammelbüchse mit der Aufschrift "Toilet 100 Kr". Als ich nach sämtlichen anderen Passagieren das Gebäude verließ und in den schon laufenden Bus einstieg, lag in dem Behälter nur eine einzige Münze - meine. Die Hekla überragte majestätisch das Umland. Insgeheim wünschte ich mir einen sofortigen Ausbruch. Wäre das toll, jetzt die Brocken fliegen zu sehen. Aber es blieb den Isländern erspart und mir wurde es nicht vergönnt. An der Südküste herrschte allerbestes Wetter. Bei wenig Wind und wolkenlosem Himmel hingen sogar Gleitschirme über den steilen Felsen. Kleinflugzeuge brummten hin und her und überhaupt war draußen viel los. Reykjavik schien im Sonnenlicht aufzublühen. Wir sprangen aus dem Bus, bedankten uns und latschten Richtung Campingplatz. Ich fing an, Ulli richtig zu vermissen und konnte unsere Heimreise am nächsten Tag kaum abwarten. "Wenn die mit unserem Rückflug wieder Scheiße gebaut haben, krieg ich zu viel", vermeldete ich. "Ach wir kommen schon heim", ermutigte Tobias uns beide. Nachdem das Zelt aufgebaut war, trotteten wir noch rüber zum Schwimmbad, da es dort eine Hotdog-Bude gab. Alle Isländer, die mit nassen Haaren aus dem Bad kamen, kauften sich bei dem freundlichen Mädchen ein Würstchen. Wir holten uns zum Dinner auch noch zwei der Mopeds und spülten sie mit dem geliebten Malzbier herunter. |
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Reykjavik und Rückflug "Komm, wir stehen auf, bevor die ganze Horde auf den Nassbereich losgeht", stieß ich meinen Nachbarn an. "Genau, schnell durch und weg hier", sagt er und wir liefen in der aufgehenden Sonne über die Wiese und duschten. Das Gepäck verblieb im aufgebauten Zelt und wir nahmen nur unsere Kameras und die Brieftaschen mit in die Stadt hinein. Das Wetter war traumhaft und traditionell schlappten wir erst einmal zum Hafen. Der Himmel und die See versuchten, sich gegenseitig mit ihrem Blau zu überbieten. Bunt lagen die Schiffe auf der glatten, spiegelnden Fläche.
Plötzlich bogen die zwei Engländer vom ersten Tag um die Ecke. Ich freute mich über den
Zufall, war aber nur mäßig überrascht. In Island trifft man sich immer
mindestens zweimal. "Did you finish |
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